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Abschluss - Check! Und dann?
In diesem Alumni-Talk sprechen wir mit Dr. Jonathan Nübel, Arzt in Weiterbildung und Gründungsalumnus der Medizinischen Hochschule Brandenburg (MHB). Für ein Jahr führte ihn sein Weg ans renommierte Florey Institute der University of Melbourne sowie an das Austin Hospital in Australien – ermöglicht durch das Walter-Benjamin-Stipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Im Interview gibt er spannende Einblicke in sein Forschungsprojekt zur Vermeidung akuter Nierenschädigung bei Patient*innen auf der Intensivstation und erzählt, wie es ist, zwischen Klinik, Labor und australischem Alltag zu pendeln.
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Was gefällt dir an der Intensivmedizin besonders?
Mir gefällt, dass es immer Teamarbeit ist. Wir arbeiten nie allein an Patient:innen, sondern immer eng mit Pflegenden und gemeinsam mit anderen medizinischen Fachrichtungen. Die ganze Expertise des Krankenhauses versammelt sich auf der Intensivstation, um sich gemeinsam um die kränksten und vulnerabelsten Patient:innen zu kümmern. Ich mag das. Damit das gelingt, musst du im Team spielen können und wollen.
In radikalem Kontrast zu dieser menschlichen Seite steht, dass es auch total technisch ist. Wir können Atmung, Nierenfunktion oder Kreislauf mit Medikamenten unterstützen oder mit Maschinen vollständig übernehmen. Und genau darin liegt für mich auch die besondere Verantwortung unserer Arbeit, die mich nach wie vor fasziniert. Wir müssen unseren Patient:innen und ihren Angehörigen erklären, was wir tun und was es bedeutet, was um sie herum geschieht. Um gemeinsam zu entscheiden, welcher Weg im Einzelfall der richtige sein könnte. Oft heißt das auch, nicht alles zu tun, was technisch möglich ist, sondern Menschen am Ende ihres Lebens zu begleiten. In dieser Situation für Menschen und ihre Angehörigen da zu sein und gemeinsam mit ihnen zum Teil auch schwere und weitreichende Entscheidungen zu treffen – das bewegt mich und empfinde ich als großes Privileg.
Was hat dich am meisten an dem Forschungsaufenthalt in Melbourne gereizt?
Die unglaubliche Möglichkeit, mit Rinaldo Bellomo zusammenzuarbeiten. Rinaldo gehörte zu den einflussreichsten Intensivmedizinern weltweit. Alles, was in der Intensivmedizin wichtig ist, hat er geschrieben – oder war daran beteiligt. Außerdem eilte ihm ein Ruf voraus, der sich mehr als alles andere bestätigt hat. Ich habe nie jemanden kennengelernt, der aus all diesen akademischen Erfolgen so wenig ein Thema gemacht hat. Der so nett, einfühlsam und persönlich interessiert war an den Menschen, die ihn umgeben. Außerdem wollte Ich aus der MHB heraus über den Tellerrand schauen. Forschung ist international, und es ist wichtig, internationale Netzwerke zu knüpfen und von den Besten zu lernen. Dazu gehört vielleicht auch, sich zu trauen, einmal richtig weit wegzugehen und die eigene Komfortzone zu verlassen. Das fand ich spannend und hat mich gereizt.
Wie würdest du Laien dein Forschungsprojekt am Austin Hospital in Melbourne erklären?
Die meisten Patient:innen auf der Intensivstation erleiden im Verlauf ihrer Erkrankung einen akuten Nierenschaden. Nierenfunktion geht dabei unwiederbringlich verloren, und das verschlechtert nicht nur die Überlebenschance, es hat auch einen großen Einfluss auf die Lebensqualität der Überlebenden nach der Intensivstation. Unser Ziel ist es, diesen Schaden zu dämpfen oder sogar ganz zu verhindern. Am besten noch, bevor er entsteht. Aus einer großen internationalen Studien wissen wir, dass eine Infusion mit Aminosäuren vor einer Herzoperation einen Nierenschaden nach der Operation verhindern kann. Die Idee dahinter ist einfach und charmant: Die Aminosäuren aktivieren Funktionsreserven der Niere, eine Art „Schutzschild“ gegen die vielen verschiedenen schädlichen Einflüsse während einer Herzoperation und der späteren Erholungspause auf der Intensivstation. Dieses Schutzschild würden wir gern bei allen Patient:innen auf der Intensivstation aktivieren.
Mit unserer Pilotstudie untersuchen wir, ob dieser Therapieansatz auch dann noch einen Nutzen entfalten kann, wenn er erst bei Aufnahme auf die Intensivstation aktiviert wird, statt vor einer Operation. Zu diesem Zeitpunkt kann der Schädigungsprozess bereits voll im Gange sein, und die Ursachen der Nierenschädigung sind wesentlich vielfältiger, da wir alle kritisch kranken Patient:innen einschließen und nicht nur Patient:innen mit Herzoperationen.
Zu welchem Thema hast du im Florey Institute geforscht?
Ich war hier Teil einer Arbeitsgruppe, die sich mit (patho-)physiologischer, immunologischer und neurowissenschaftlicher Grundlagenforschung an einem Groβtiermodell beschäftigt. Das Team arbeitet mit einem weltweit einzigartigen Schafmodell daran Mechanismen zu entschlüsseln, die wir so am Menschen nicht ohne weiteres erforschen können. Wir haben außerdem Medikamentenkandidaten auf ihre Wirksamkeit und Sicherheit getestet, die noch in der präklinischen Phase sind. Eine Besonderheit ist, dass am Florey herzchirurgische Operation mit Herzlungenmaschine am Tiermodell durchgeführt werden können, um die Auswirkung der Herzlungenmaschine auf Organe und die Wirkung verschiedener Medikamente im Setting einer Herzoperation zu erforschen.
In dem Projekt, in dem ich schwerpunktmäßig gearbeitet habe, wurde eine Sepsis im Schafmodell nachgebildet. Das kritisch kranke Schaf wurde im Verlauf intubiert und beatmet, mit Medikamenten kreislaufunterstützt, und der Verlust der Nierenfunktion durch eine kontinuierliche Dialyse übernommen – eben wie bei einer echten intensivmedizinischen Patient:in. Unsere Forschungsfrage war, wie sich die Nierendurchblutung der kleinsten Blutgefäße in verschiedenen Arealen der Niere ändert und wie das die Nierenfunktion beeinflusst, wenn die Dialyse einen Teil der Aufgaben der Niere im Rahmen der Sepsis übernimmt.
Was war für dich die größte Umstellung im Arbeitsalltag?
Mir fallen drei Dinge ein. Erstens: Zeit zu haben für Forschung, keine anderen Verpflichtungen, nur Forschung. Im deutschen Gesundheitssystem forscht man als junger Arzt oft nach Feierabend oder am Wochenende, und ich fürchte, das wird sich so schnell auch nicht ändern. Die Freiheit, sich nur mit Forschung zu beschäftigen und neue Methoden zu erlernen, das ist ein großer Luxus. Zweitens: ein positiver Kulturschock, was die Art und Weise angeht, wie die Menschen hier miteinander umgehen. Australier lieben Teamsport – Footy, Cricket, Basketball, Fußball – egal was. Und sie leben diesen Team-Spirit. Vielleicht liegt es daran, dass sie in einem Land leben, in dem einen die Sonne, der Ozean und ein guter Teil der Tierwelt lebensgefährlich werden können. Bist du allein im Outback, dann hast du ziemlich schlechte Karten. Sie unterstützen sich gegenseitig und arbeiten wertschätzend miteinander, statt gegeneinander. Das macht sie unglaublich liebenswert und ist ansteckend.
Auch die Arbeitsbedingungen im Gesundheitssystem sind bedeutend besser. Ein paar konkrete Beispiele von der Intensivstation: Hier versorgt eine Pflegekraft eine Patient:in – immer. Jeden Tag. Keine Ausnahme. Wenn die Patient:in besonders krank ist, dann steht noch eine zweite Pflegekraft am Bett, und regelmäßig sind Rotations-Pflegekräfte ohne geplante Aufgaben auf der Station, um flexibel zu unterstützen. Es gibt Healthcare Allies wie Technicians, Physiotherapeut:innen, Sozialarbeiter:innen, Servicekräfte und Koordinator:innen, die dafür sorgen, dass die Intensivstation läuft, damit sich Ärzt:innen und Pflegekräfte auf ihre Patient:innen konzentrieren können. Die Aufnahme von Patient:innen von peripheren Stationen auf die Intensivstation erfolgt nach strukturierten Kriterien, möglichst bevor sie so krank sind wie die Patient:innen, die wir von unseren Intensivstationen in Deutschland kennen. Das irritiert am Anfang vollkommen, weil es für jemanden aus Deutschland nach absurdem Ressourcenüberschuss aussieht. Am Ende ist es allerdings outcome-entscheidend, denn die beste Therapie ist Prävention.
Drittens: Die Ausbildung aller Fachgruppen ist Pflicht. Keine Option. Während der Arbeitszeit ist dafür Zeit eingeplant und Personal eingestellt. Für Ärzt:innen in Weiterbildung gibt es strukturierte Ausbildungsabschnitte mit regelmäßigen Prüfungen. Nicht um junge Ärzt:innen das Leben schwer zu machen, sondern um sicher zu sein, dass der Arbeitgeber sie ausbildet und sie kontinuierliche Fortschritte machen in ihrer Ausbildung. Junge Ärzt:innen werden geschützt mit Aufgaben konfrontiert zu sein, die sie noch nicht bewältigen können, um keine Patient:innen zu gefährden und sie selbst vor Überforderung zu schützen. Das kann man alles belächeln aus Deutschland. Ändert aber die gesamte Stimmung im System.
Hier hängt so ein großer Zettel von Rinaldo in einem der Forschungsbüros: „Train people well enough so they can leave, treat them well enough so they don’t want to.“ Das ist das Selbstverständnis hier. Das tut weh, wenn man das einmal gesehen hat und dann an zu Hause denkt.
Eine tolle Ausbildung und personelle Besetzung führen dazu, dass die Versorgung auf der Intensivstation menschlicher ist als in Deutschland. Es wird wertschätzend kommuniziert zwischen Fachabteilungen, mit Angehörigen und Familien und im Team. Patient:innen und Mitarbeitende erfahren Sinn und Wertschätzung in dem, was sie tun, und haben nicht jeden Tag das Gefühl, an einem kaputten System zu scheitern.
Was stellt man neben dem Forschen noch so in Melbourne und Umgebung an?
Der größte Luxus hier ist, einfach Zeit zu haben und sich voll auf die Forschung konzentrieren zu können und umgeben zu sein von inspirierenden Menschen. Das empfinde ich als großes Privileg, das ich voll auskosten wollte, sodass ich eigentlich gar nicht so viel anders gemacht habe. Das klingt bestimmt superkomisch, aber Forschung ist ja irgendwie auch mein Hobby und meine Leidenschaft. Wenn Freunde, Familie oder meine Freundin zu Besuch waren, dann sind wir natürlich gereist, um etwas von diesem unfassbar schönen Land zu sehen.
Was würdest du Studierenden mit auf den Weg geben, die auch gerne forschen wollen?
Sucht Menschen, die erfolgreich forschen und erfolgreich publizieren, lernt von ihnen und forscht gemeinsam. Findet Menschen, die euch unterstützen und fördern, die Vorbilder sind. Alle erfolgreichen Wissenschaftler:innen, die ich getroffen habe, hatten eins gemeinsam: Niemand von ihnen hat das allein geschafft. Es ist immer Teamarbeit. Findet ein Team, das euch gut behandelt und wertschätzt, was ihr tut. Bei dem ihr lernen, wachsen, aber auch scheitern dürft. Eigentlich findet ihr solche Menschen in jeder erfolgreichen Forschungsgruppe, weil jede erfolgreiche Wissenschaftlerin und jeder erfolgreiche Wissenschaftler mal jemanden hatte, der sie oder ihn gefördert hat. Sonst wären sie nicht dort. Und diese Erfahrung vergisst man nicht, sondern gibt sie gern weiter. In Kontakt kommt ihr mit diesen Menschen, indem ihr echtes und aufrichtiges Interesse habt, mitarbeitet und euch auf einer menschlichen Ebene versteht. Forschung heißt kontinuierlich scheitern, es ist unfassbar langwierig und ernüchternd, aber auch unglaublich spannend, wenn man etwas versteht, was so vielleicht noch niemand anderes so verstanden hat. Das geht nur mit den richtigen Leuten drumherum. Und auch ich hatte großes Glück, solche Mentor:innen getroffen zu haben, und ich bin ihnen von Herzen dankbar – ohne sie wäre ich nicht hier.
Jetzt sind zehn Jahre seit deiner Immatrikulation vergangen. Was war dein größtes Learning?
Ich war seit meiner Immatrikulation hochschulpolitisch ziemlich aktiv und bin damit glaube ich auch vielen Leuten an der MHB ziemlich auf die Nerven gegangen. Ich glaube, es ist wichtig, als Studierender zu rebellieren, sich einzumischen, seine Meinung laut zu sagen, im besten Wissen und Gewissen etwas in die richtige Richtung bewegen zu wollen. Ich würde denken, mittlerweile bin ich etwas milder, diplomatischer und zurückhaltender geworden – vielleicht ein bisschen weniger radikal, weiser und weicher.
Was ich über Medizin gelernt habe, ist eine amüsante Ernüchterung, der man vielleicht mit einem guten Lächeln begegnen muss. Je mehr ich von Medizin verstehe, desto mehr verstehe ich, dass ich eigentlich absolut keinen Schimmer habe. Und damit bin ich in guter Gesellschaft. Wenn wir ehrlich sind, dann sind die meisten Entscheidungen, die wir alle täglich in der Praxis treffen, vollkommen willkürlich und evidenzlos – was nicht heißen soll, dass sie immer falsch sind! Wer weiß das schon. Das ist der Grund, wieso ich und so viele andere auf der ganzen Welt randomisierte, kontrollierte klinische Studien machen, unter dem Motto „Randomized treatment replaces random treatment“. Sich und seiner eigenen Unwissenheit zu begegnen und zu hinterfragen, was immer schon so gemacht oder gedacht wurde, das ist glaube ich das größte Learning. Wir wurden hier regelmäßig mit einem Zitat von Mark Twain von Rinaldo daran erinnert: „It ain’t what you don’t know that gets you into trouble. It’s what you know for sure that just ain’t so.“
Stell dir vor, dein Forschungsaufenthalt wäre ein Podcast, Film, Musiktitel o. ä. – Wie würdest du ihn nennen?
„The Bellomo Effect“. Dazu haben wir Fellows auch einen Text geschrieben, den man hier lesen kann.



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