Interviews & JobInsights
Abschluss - Check! Und dann?
In dieser Rubrik nehmen uns Ehemalige der MHB mit in ihr Leben nach dem Abschluss: Welche Wege haben sie eingeschlagen, welche Überraschungen erlebt? Im ersten Interview plaudern wir mit unserer Medizin-Alumna Cindy Stern – über ihren Weg, ihre Erfahrungen und ihre ganz persönliche neue Lebensrealität.
Du hast Humanmedizin an der MHB studiert – wie bist du damals auf die Hochschule aufmerksam geworden bzw. wie hat es dich nach Neuruppin verschlagen?
Cindy Stern: Nachdem ich meine Berufsausbildung abgeschlossen hatte, begann ich intensiv nach alternativen Wegen ins Medizinstudium zu recherchieren. Ausland kam für mich nicht infrage, Witten/Herdecke gefiel mir vom Konzept her nicht und durch Zufall bin ich dann auf die MHB aufmerksam geworden. Ab da gab es dann keinen Plan B mehr!
In welchem Fachbereich befindest du dich aktuell in der Weiterbildung, und wie sieht grob dein beruflicher Alltag aus?
Cindy Stern: Ich befinde mich aktuell am Ende meines 1. Weiterbildungsjahres in der Anästhesie und Intensivmedizin am ukrb in Neuruppin. Mein beruflicher Alltag startet in der Regel um kurz nach 5 Uhr morgens, da ich aus Berlin pendle. Im OP starten wir zwischen 07:15 und 07:20 Uhr mit einer kurzen Frühbesprechung inklusive kurzer Vorstellung der Patient:innen, die einen an dem Tag im zugewiesenen OP-Saal erwarten werden. Dann wird entsprechend der geplanten OPs Narkose gemacht, es folgt eine kurze Mittagspause, dann weiterarbeiten bis 15:45 Uhr (alternativ 20 Uhr). Ich bin zudem regelmäßig in der Prämedikationsambulanz eingeteilt, wo ich entweder im Früh- oder im Spätdienst Patient:innen für die bevorstehenden Narkosen aufkläre.
Studium vorbei, Kittel an und los geht's - Wie war für dich überhaupt der Übergang vom Studium in den Klinikalltag?
Cindy Stern: Aufregend! Ich war sehr gespannt, wie es sein würde endlich loslegen zu dürfen, nachdem man sooo lange darauf hingearbeitet hat. Ich bin allerdings rückblickend sehr froh, dass ich von meiner Berufserfahrung aus meinem Ausbildungsberuf (Rettungsassistentin) und einem nicht allzu lang zurückliegenden PJ-Tertial in der Anästhesie profitieren konnte. Da fiel die Eingewöhnung nicht allzu schwer. Aber ich bin auch in ein tolles und vor allem sehr unterstützendes Team gekommen, die haben es mir leicht gemacht anzukommen und mich gleich an die Hand genommen. Gleichzeitig gab es in den ersten Monaten aber auch immer wieder Momente, die mich aus verschiedenen Gründen überfordert haben, wo ich dann schon mal alles in Frage gestellt habe, aber ich schätze, das gehört dazu.
Was gefällt dir an deinem ärztlichen Beruf besonders? Was findest du am schwierigsten?
Cindy Stern: Am meisten gefällt mir, dass jeder Tag ein bisschen anders ist, man muss sich immer wieder auf neue Situationen einstellen, es ist kontinuierlich Work & Progress. Es gibt keinen Tag, an dem ich nichts dazulerne oder Dinge evaluiere, die ich hätte besser machen können. Das motiviert mich sehr! Dadurch, dass man sich fachlich stetig weiterentwickelt, gibt es auch immer was, auf das man sich freut, sei es ein Simulationstraining für den Kreissaal, der erste Dienst (wobei Freude da wahrscheinlich ein eher dehnbarer Begriff ist) oder der Notärzt:innen-Kurs.
Am schwierigsten finde ich, jetzt die strukturellen Probleme unseres Gesundheitswesens, die wir bereits im Studium herausgearbeitet haben, am eigenen Leib zu erleben. Es geht im Großen und Ganzen um Zahlen, um Effizienz, um möglichst geringen Aufwand für maximalen Ertrag, während die Menschen, mit denen ich tagtäglich zusammenarbeite, sich primär um eine gute Patient:innenversorgung und ein kollegiales Miteinander bemühen. Dieser Spagat ist manchmal schwierig und bringt mich dann durchaus mal an meine Grenzen.
Zwölf-Stunden-Dienste, Lernstress, hohe Arbeitsbelastung – was gibt dir gerade Kraft, um gut durch diese Zeit zu kommen?
Cindy Stern: Ich würde sagen, am meisten mein familiäres Umfeld. Auf das ist bedingungslos Verlass, da wird sich auch mal eine halbstündige Schimpftirade meinerseits angehört, die jubeln (ahnungslos) über nerdige (alltägliche) Errungenschaften meinerseits und fangen mich gleichzeitig aber auch an schlechten Tagen auf.
Zudem helfen mir Kleinigkeiten, wie an freien Tagen bewusst was Schönes zu unternehmen und sich auch mal was zu gönnen, wenn man sich danach fühlt.
Was war dein größter Irrtum über den Arbeitsalltag als Assistenzärztin? Wann kam der Aha-Moment?
Cindy Stern: Ich denke ich hatte zwei sehr prägende Aha-Momente. Zum einen wurde mir schnell klar, dass man sich mit dem Arbeitsbeginn in der Klinik nicht für ein langes Studium „belohnt“. In gewisser Weise mag da was dran sein, aber die Wahrheit ist: da geht die eigentliche Arbeit erst richtig los. Neben dem Weiterbilden, Lernen, Nachlesen muss man sich in bestehende Hierarchien integrieren, aushalten, dass man eigentlich viel mehr nicht weiß als weiß und trotzdem ehrlich einschätzen, was man kann (und was nicht).
Zum anderen und das kam erst nach ein paar Monaten, habe ich irgendwann festgestellt, dass man sich dem vermeintlichen Leistungsdruck, dem man sich ausgesetzt fühlt, nicht bedingungslos hingeben darf. Einen großen Teil dieses Druckes macht man sich glaube ich selbst und als Anfänger:in darf man auch mal nicht so performen, mal einen schlechten Tag oder keine Lust haben und im Rahmen des Vertretbaren sind auch Fehler erlaubt (und wichtig!).
Welche Fähigkeit oder Erkenntnisse aus dem Studium retten dir heute regelmäßig den Tag?
Cindy Stern: Am meisten profitiere ich von den anatomisch-physiologischen Grundlagen, die zwar schon früh im Studium gelehrt werden, aber gerade im Bereich der Narkoseführung unheimlich wichtig für das Verständnis sind. Und witzigerweise bilde ich mir zumindest ein, dass die Kommunikationsskills, die ich im Studium erworben habe, einfach gerade in stressigen Situationen der absolute Gamechanger sind.
Was sollte deiner Meinung nach viel häufiger thematisiert werden, wenn es um den Einstieg ins Berufsleben als Ärztin geht – auch schon im Studium?
Cindy Stern: Praktische berufsbezogene Themen hätte ich hilfreich gefunden. Welche Schritte muss ich z.Bsp. ganz konkret gehen, wenn ich dies oder jenes karrieretechnisch erreichen möchte. Dann bezogen auf den Berufseinstieg, welche Pflichten aber vor allem welche Rechte habe ich und an wen kann ich mich wenden, wenn ich diese in Gefahr sehe.
Sicherlich wäre auch schön gewesen, wenn die Vereinbarkeit von Beruf und Familie thematisiert würde. Mir ist klar, dass die Uni keine strukturellen Probleme lösen kann, aber sie kann angehende Ärzt:innen zumindest für kritische Themen sensibilisieren.
Wenn du deinem jüngeren Ich kurz vor dem Abschluss noch etwas mit auf den Weg geben könntest – was würdest du sagen?
Cindy Stern: Bitte keine waghalsigen Sportarten mehr kurz vor Schluss! Halte durch, es lohnt sich.
Was vermisst du an der MHB oder deiner Studienzeit dort am meisten? Was wünscht du dir auch nach dem Studium von der MHB?
Cindy Stern: Am meisten vermisse ich die flexible Alltagsgestaltung und die zeitlichen Kapazitäten für extracurriculäres/soziales Engagement. Wünschen würde ich mir, dass man in irgendeiner Form mit unserer Alma Mater verbunden bleibt, vielleicht durch ein jährliches Alumni-Fest o.ä.
Wenn dein aktueller Berufsalltag ein Podcast, Song, Film oder Theaterstück wäre – wie würde er heißen?
Cindy Stern: „Dog Days Are Over“ von Florence + The Machine
_____________________________________________________
Sie möchten auch Ihre Geschichte erzählen und andere Alumni, Studierende – und diejenigen, die es noch werden wollen – mit Ihren Einblicken inspirieren? Nichts leichter als das - Wir freuen uns auf Ihre Nachricht an alumni@mhb-fontane.de
Interviews & JobInsights
Abschluss - Check! Und dann?
In diesem Alumni-Talk sprechen wir mit Dr. Jonathan Nübel, Arzt in Weiterbildung und Gründungsalumnus der Medizinischen Hochschule Brandenburg (MHB). Für ein Jahr führte ihn sein Weg ans renommierte Florey Institute der University of Melbourne sowie an das Austin Hospital in Australien – ermöglicht durch das Walter-Benjamin-Stipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Im Interview gibt er spannende Einblicke in sein Forschungsprojekt zur Vermeidung akuter Nierenschädigung bei Patient*innen auf der Intensivstation und erzählt, wie es ist, zwischen Klinik, Labor und australischem Alltag zu pendeln.
_____________________________________________________
Was gefällt dir an der Intensivmedizin besonders?
Mir gefällt, dass es immer Teamarbeit ist. Wir arbeiten nie allein an Patient:innen, sondern immer eng mit Pflegenden und gemeinsam mit anderen medizinischen Fachrichtungen. Die ganze Expertise des Krankenhauses versammelt sich auf der Intensivstation, um sich gemeinsam um die kränksten und vulnerabelsten Patient:innen zu kümmern. Ich mag das. Damit das gelingt, musst du im Team spielen können und wollen.
In radikalem Kontrast zu dieser menschlichen Seite steht, dass es auch total technisch ist. Wir können Atmung, Nierenfunktion oder Kreislauf mit Medikamenten unterstützen oder mit Maschinen vollständig übernehmen. Und genau darin liegt für mich auch die besondere Verantwortung unserer Arbeit, die mich nach wie vor fasziniert. Wir müssen unseren Patient:innen und ihren Angehörigen erklären, was wir tun und was es bedeutet, was um sie herum geschieht. Um gemeinsam zu entscheiden, welcher Weg im Einzelfall der richtige sein könnte. Oft heißt das auch, nicht alles zu tun, was technisch möglich ist, sondern Menschen am Ende ihres Lebens zu begleiten. In dieser Situation für Menschen und ihre Angehörigen da zu sein und gemeinsam mit ihnen zum Teil auch schwere und weitreichende Entscheidungen zu treffen – das bewegt mich und empfinde ich als großes Privileg.
Was hat dich am meisten an dem Forschungsaufenthalt in Melbourne gereizt?
Die unglaubliche Möglichkeit, mit Rinaldo Bellomo zusammenzuarbeiten. Rinaldo gehörte zu den einflussreichsten Intensivmedizinern weltweit. Alles, was in der Intensivmedizin wichtig ist, hat er geschrieben – oder war daran beteiligt. Außerdem eilte ihm ein Ruf voraus, der sich mehr als alles andere bestätigt hat. Ich habe nie jemanden kennengelernt, der aus all diesen akademischen Erfolgen so wenig ein Thema gemacht hat. Der so nett, einfühlsam und persönlich interessiert war an den Menschen, die ihn umgeben. Außerdem wollte Ich aus der MHB heraus über den Tellerrand schauen. Forschung ist international, und es ist wichtig, internationale Netzwerke zu knüpfen und von den Besten zu lernen. Dazu gehört vielleicht auch, sich zu trauen, einmal richtig weit wegzugehen und die eigene Komfortzone zu verlassen. Das fand ich spannend und hat mich gereizt.
Wie würdest du Laien dein Forschungsprojekt am Austin Hospital in Melbourne erklären?
Die meisten Patient:innen auf der Intensivstation erleiden im Verlauf ihrer Erkrankung einen akuten Nierenschaden. Nierenfunktion geht dabei unwiederbringlich verloren, und das verschlechtert nicht nur die Überlebenschance, es hat auch einen großen Einfluss auf die Lebensqualität der Überlebenden nach der Intensivstation. Unser Ziel ist es, diesen Schaden zu dämpfen oder sogar ganz zu verhindern. Am besten noch, bevor er entsteht. Aus einer großen internationalen Studien wissen wir, dass eine Infusion mit Aminosäuren vor einer Herzoperation einen Nierenschaden nach der Operation verhindern kann. Die Idee dahinter ist einfach und charmant: Die Aminosäuren aktivieren Funktionsreserven der Niere, eine Art „Schutzschild“ gegen die vielen verschiedenen schädlichen Einflüsse während einer Herzoperation und der späteren Erholungspause auf der Intensivstation. Dieses Schutzschild würden wir gern bei allen Patient:innen auf der Intensivstation aktivieren.
Mit unserer Pilotstudie untersuchen wir, ob dieser Therapieansatz auch dann noch einen Nutzen entfalten kann, wenn er erst bei Aufnahme auf die Intensivstation aktiviert wird, statt vor einer Operation. Zu diesem Zeitpunkt kann der Schädigungsprozess bereits voll im Gange sein, und die Ursachen der Nierenschädigung sind wesentlich vielfältiger, da wir alle kritisch kranken Patient:innen einschließen und nicht nur Patient:innen mit Herzoperationen.
Zu welchem Thema hast du im Florey Institute geforscht?
Ich war hier Teil einer Arbeitsgruppe, die sich mit (patho-)physiologischer, immunologischer und neurowissenschaftlicher Grundlagenforschung an einem Groβtiermodell beschäftigt. Das Team arbeitet mit einem weltweit einzigartigen Schafmodell daran Mechanismen zu entschlüsseln, die wir so am Menschen nicht ohne weiteres erforschen können. Wir haben außerdem Medikamentenkandidaten auf ihre Wirksamkeit und Sicherheit getestet, die noch in der präklinischen Phase sind. Eine Besonderheit ist, dass am Florey herzchirurgische Operation mit Herzlungenmaschine am Tiermodell durchgeführt werden können, um die Auswirkung der Herzlungenmaschine auf Organe und die Wirkung verschiedener Medikamente im Setting einer Herzoperation zu erforschen.
In dem Projekt, in dem ich schwerpunktmäßig gearbeitet habe, wurde eine Sepsis im Schafmodell nachgebildet. Das kritisch kranke Schaf wurde im Verlauf intubiert und beatmet, mit Medikamenten kreislaufunterstützt, und der Verlust der Nierenfunktion durch eine kontinuierliche Dialyse übernommen – eben wie bei einer echten intensivmedizinischen Patient:in. Unsere Forschungsfrage war, wie sich die Nierendurchblutung der kleinsten Blutgefäße in verschiedenen Arealen der Niere ändert und wie das die Nierenfunktion beeinflusst, wenn die Dialyse einen Teil der Aufgaben der Niere im Rahmen der Sepsis übernimmt.
Was war für dich die größte Umstellung im Arbeitsalltag?
Mir fallen drei Dinge ein. Erstens: Zeit zu haben für Forschung, keine anderen Verpflichtungen, nur Forschung. Im deutschen Gesundheitssystem forscht man als junger Arzt oft nach Feierabend oder am Wochenende, und ich fürchte, das wird sich so schnell auch nicht ändern. Die Freiheit, sich nur mit Forschung zu beschäftigen und neue Methoden zu erlernen, das ist ein großer Luxus. Zweitens: ein positiver Kulturschock, was die Art und Weise angeht, wie die Menschen hier miteinander umgehen. Australier lieben Teamsport – Footy, Cricket, Basketball, Fußball – egal was. Und sie leben diesen Team-Spirit. Vielleicht liegt es daran, dass sie in einem Land leben, in dem einen die Sonne, der Ozean und ein guter Teil der Tierwelt lebensgefährlich werden können. Bist du allein im Outback, dann hast du ziemlich schlechte Karten. Sie unterstützen sich gegenseitig und arbeiten wertschätzend miteinander, statt gegeneinander. Das macht sie unglaublich liebenswert und ist ansteckend.
Auch die Arbeitsbedingungen im Gesundheitssystem sind bedeutend besser. Ein paar konkrete Beispiele von der Intensivstation: Hier versorgt eine Pflegekraft eine Patient:in – immer. Jeden Tag. Keine Ausnahme. Wenn die Patient:in besonders krank ist, dann steht noch eine zweite Pflegekraft am Bett, und regelmäßig sind Rotations-Pflegekräfte ohne geplante Aufgaben auf der Station, um flexibel zu unterstützen. Es gibt Healthcare Allies wie Technicians, Physiotherapeut:innen, Sozialarbeiter:innen, Servicekräfte und Koordinator:innen, die dafür sorgen, dass die Intensivstation läuft, damit sich Ärzt:innen und Pflegekräfte auf ihre Patient:innen konzentrieren können. Die Aufnahme von Patient:innen von peripheren Stationen auf die Intensivstation erfolgt nach strukturierten Kriterien, möglichst bevor sie so krank sind wie die Patient:innen, die wir von unseren Intensivstationen in Deutschland kennen. Das irritiert am Anfang vollkommen, weil es für jemanden aus Deutschland nach absurdem Ressourcenüberschuss aussieht. Am Ende ist es allerdings outcome-entscheidend, denn die beste Therapie ist Prävention.
Drittens: Die Ausbildung aller Fachgruppen ist Pflicht. Keine Option. Während der Arbeitszeit ist dafür Zeit eingeplant und Personal eingestellt. Für Ärzt:innen in Weiterbildung gibt es strukturierte Ausbildungsabschnitte mit regelmäßigen Prüfungen. Nicht um junge Ärzt:innen das Leben schwer zu machen, sondern um sicher zu sein, dass der Arbeitgeber sie ausbildet und sie kontinuierliche Fortschritte machen in ihrer Ausbildung. Junge Ärzt:innen werden geschützt mit Aufgaben konfrontiert zu sein, die sie noch nicht bewältigen können, um keine Patient:innen zu gefährden und sie selbst vor Überforderung zu schützen. Das kann man alles belächeln aus Deutschland. Ändert aber die gesamte Stimmung im System.
Hier hängt so ein großer Zettel von Rinaldo in einem der Forschungsbüros: „Train people well enough so they can leave, treat them well enough so they don’t want to.“ Das ist das Selbstverständnis hier. Das tut weh, wenn man das einmal gesehen hat und dann an zu Hause denkt.
Eine tolle Ausbildung und personelle Besetzung führen dazu, dass die Versorgung auf der Intensivstation menschlicher ist als in Deutschland. Es wird wertschätzend kommuniziert zwischen Fachabteilungen, mit Angehörigen und Familien und im Team. Patient:innen und Mitarbeitende erfahren Sinn und Wertschätzung in dem, was sie tun, und haben nicht jeden Tag das Gefühl, an einem kaputten System zu scheitern.
Was stellt man neben dem Forschen noch so in Melbourne und Umgebung an?
Der größte Luxus hier ist, einfach Zeit zu haben und sich voll auf die Forschung konzentrieren zu können und umgeben zu sein von inspirierenden Menschen. Das empfinde ich als großes Privileg, das ich voll auskosten wollte, sodass ich eigentlich gar nicht so viel anders gemacht habe. Das klingt bestimmt superkomisch, aber Forschung ist ja irgendwie auch mein Hobby und meine Leidenschaft. Wenn Freunde, Familie oder meine Freundin zu Besuch waren, dann sind wir natürlich gereist, um etwas von diesem unfassbar schönen Land zu sehen.
Was würdest du Studierenden mit auf den Weg geben, die auch gerne forschen wollen?
Sucht Menschen, die erfolgreich forschen und erfolgreich publizieren, lernt von ihnen und forscht gemeinsam. Findet Menschen, die euch unterstützen und fördern, die Vorbilder sind. Alle erfolgreichen Wissenschaftler:innen, die ich getroffen habe, hatten eins gemeinsam: Niemand von ihnen hat das allein geschafft. Es ist immer Teamarbeit. Findet ein Team, das euch gut behandelt und wertschätzt, was ihr tut. Bei dem ihr lernen, wachsen, aber auch scheitern dürft. Eigentlich findet ihr solche Menschen in jeder erfolgreichen Forschungsgruppe, weil jede erfolgreiche Wissenschaftlerin und jeder erfolgreiche Wissenschaftler mal jemanden hatte, der sie oder ihn gefördert hat. Sonst wären sie nicht dort. Und diese Erfahrung vergisst man nicht, sondern gibt sie gern weiter. In Kontakt kommt ihr mit diesen Menschen, indem ihr echtes und aufrichtiges Interesse habt, mitarbeitet und euch auf einer menschlichen Ebene versteht. Forschung heißt kontinuierlich scheitern, es ist unfassbar langwierig und ernüchternd, aber auch unglaublich spannend, wenn man etwas versteht, was so vielleicht noch niemand anderes so verstanden hat. Das geht nur mit den richtigen Leuten drumherum. Und auch ich hatte großes Glück, solche Mentor:innen getroffen zu haben, und ich bin ihnen von Herzen dankbar – ohne sie wäre ich nicht hier.
Jetzt sind zehn Jahre seit deiner Immatrikulation vergangen. Was war dein größtes Learning?
Ich war seit meiner Immatrikulation hochschulpolitisch ziemlich aktiv und bin damit glaube ich auch vielen Leuten an der MHB ziemlich auf die Nerven gegangen. Ich glaube, es ist wichtig, als Studierender zu rebellieren, sich einzumischen, seine Meinung laut zu sagen, im besten Wissen und Gewissen etwas in die richtige Richtung bewegen zu wollen. Ich würde denken, mittlerweile bin ich etwas milder, diplomatischer und zurückhaltender geworden – vielleicht ein bisschen weniger radikal, weiser und weicher.
Was ich über Medizin gelernt habe, ist eine amüsante Ernüchterung, der man vielleicht mit einem guten Lächeln begegnen muss. Je mehr ich von Medizin verstehe, desto mehr verstehe ich, dass ich eigentlich absolut keinen Schimmer habe. Und damit bin ich in guter Gesellschaft. Wenn wir ehrlich sind, dann sind die meisten Entscheidungen, die wir alle täglich in der Praxis treffen, vollkommen willkürlich und evidenzlos – was nicht heißen soll, dass sie immer falsch sind! Wer weiß das schon. Das ist der Grund, wieso ich und so viele andere auf der ganzen Welt randomisierte, kontrollierte klinische Studien machen, unter dem Motto „Randomized treatment replaces random treatment“. Sich und seiner eigenen Unwissenheit zu begegnen und zu hinterfragen, was immer schon so gemacht oder gedacht wurde, das ist glaube ich das größte Learning. Wir wurden hier regelmäßig mit einem Zitat von Mark Twain von Rinaldo daran erinnert: „It ain’t what you don’t know that gets you into trouble. It’s what you know for sure that just ain’t so.“
Stell dir vor, dein Forschungsaufenthalt wäre ein Podcast, Film, Musiktitel o. ä. – Wie würdest du ihn nennen?
„The Bellomo Effect“. Dazu haben wir Fellows auch einen Text geschrieben, den man hier lesen kann.



_____________________________________________________
Sie möchten auch Ihre Geschichte erzählen und andere Alumni, Studierende – und diejenigen, die es noch werden wollen – mit Ihren Einblicken inspirieren? Nichts leichter als das - Wir freuen uns auf Ihre Nachricht an alumni@mhb-fontane.de
Alumni Stories & Job Insights
Job Insights
Vom Studium in den Berufsalltag: In unseren Job Insights erzählen Alumni der MHB von ihren beruflichen Wegen, ihren Erfahrungen und den Momenten, die sie besonders geprägt haben.
Cindy Stern
Abschluss: 2024
kommt aus: Fulda, Hessen
macht die Fachärztin für:
Anästhesie
in: Neuruppin | Universitätsklinikum Ruppin-Brandenburg
Jonathan Nübel
Abschluss: 2021
kommt aus: Paderborn, NRW
macht den Facharzt für:
Anästhesie und Intensivmedizin
in: Berlin | Charité
Alumni Stories
Wie haben unsere Alumni ihre Studienzeit an der MHB erlebt? In diesen Stories erzählen sie von prägenden Momenten, Herausforderungen im Studium und den Erfahrungen, die sie bis heute begleiten.
Sophie Wuller
Traumberuf Thoraxchirurgin
Abschluss: 2023
kommt aus: Treuenbrietzen, Brandenburg
macht die Fachärztin für:
Thoraxchirurgie
in: Treuenbrietzen, Brandenburg
Paula Schwarzbach
Traumberuf wird Realität.
Abschluss: 2023
kommt aus: Berlin
macht ihre Psychotherapeutinnenausbildung in: Neuruppin, Brandenburg
Farnoosh Motazedian
Beeindruckende Erfolgsgeschichte
Abschluss: 2021
kommt aus: Shiraz, Iran
macht die Fachärztin für:
Radiologie
in: Perleberg, Brandenburg
Benjamin Kömpf
Studieren und engagieren.
Abschluss: 2023
kommt aus: Kirchheim unter Teck, Baden-Württemberg
macht seine Psychotherapeutenausbildung in: Koblenz
Paul Siebensohn
Pfleger, Arzt, Anästhesist.
Abschluss: 2022
kommt aus: Wandlitz, Brandenburg
macht den Facharzt für: Anästhesie
in: Bernau, Brandenburg
Nina Zierenberg
Verantwortung übernehmen.
Abschluss: 2022
kommt aus: Königswinter, Nordrhein-Westfalen
macht die Fachärztin für: Chirurgie
in: Bernau, Brandenburg
Katharina Neumann
Wiedersehen beim Berufseinstieg.
Abschluss: 2023
kommt aus: Berlin
macht ihre Psychotherapeutinnenausbildung in: Lindow, Brandenburg
Justus Reisenbüchler
Gründungsjahrgang.
Abschluss: 2021
kommt aus: Kiel, Schleswig-Holstein
macht den Facharzt für: Kinder- und Jugendmedizin
in: Perleberg, Brandenburg
Katharina Schneider
Im Team erfolgreich.
Abschluss: 2023
kommt aus: Vilsbiburg, Bayern
macht die Fachärztin in: Berlin & Brandenburg
Wilhelm Hesler
MHB Pioneers.
Abschluss: 2022
kommt aus: Köthen, Brandenburg
macht seine Psychotherapeutenausbildung in: Lindow, Brandenburg
David Boten
Die Uni mitgestalten.
Abschluss: 2023
kommt aus: Kiel, Schleswig-Holstein
macht den Facharzt für: Anästhesie
in: Ludwigsfelde, Brandenburg
Isabel Haller
Hürden übersprungen.
Abschluss: 2023
kommt aus: Darmstadt, Hessen
macht die Fachärztin für: Innere Medizin
in: Brandenburg a.d.H., Brandenburg
Sebastian Ludwig
Neue Wege gehen.
Abschluss: 2022
kommt aus: Wippra, Sachsen-Anhalt
macht die Psychotherapeutenausbildung in: Lübeck, Schleswig-Holstein
Helene Hamm
Zuhause studieren.
Abschluss: 2021
kommt aus: Potsdam, Brandenburg
macht die Fachärztin für: Gynäkologie
in: Brandenburg a.d.H., Brandenburg
Johanna Sieweke
Physiotherapeutin und Ärztin.
Abschluss: 2023
kommt aus: Cuxhaven, Niedersachsen
macht die Fachärztin für:
Kinder- und Jugendmedizin
in: Brandenburg a.d.H., Brandenburg
Interviews & JobInsights
Abschluss - Check! Und dann?
In dieser Rubrik nehmen uns Ehemalige der MHB mit in ihr Leben nach dem Abschluss: Welche Wege haben sie eingeschlagen, welche Überraschungen erlebt? In diesem Alumi-Talk plaudern wir mit Vroni Walther, die 2017 ihr Medizinstudium startete – mit dem Wunsch, Ärztin zu werden, die mit Herz und Verstand handelt. Heute arbeitet sie als Assistenzärztin im Krankenhaus Kyritz und erlebt ihren Beruf als ebenso fordernd wie erfüllend.
_____________________________________________________
Erinnern Sie sich noch, wie Sie damals auf die MHB aufmerksam geworden sind – und was Sie letztlich nach Neuruppin geführt hat?
Ein ehemaliger Kollege, der ebenfalls Medizin studieren wollte, machte mich auf die MHB aufmerksam mit den Worten: „Ey Vroni, du hast doch schon so viel gemacht, Ausbildung, Ehrenamt und so, das zählt an der MHB auch. Schau dir die doch mal an!“ Und genau diese Einstellung, mich als Mensch zu sehen und nicht nur als NC, hat mich hierher gebracht.
War es schwierig sich für einen Fachbereich zu entscheiden oder gab es schon vor dem Studium einen festen Plan?
Ja und ja. ;-) Ich hatte von Anfang an eine favorisierte Fachrichtung, aber durch die einzelnen Module hat sich die Fachrichtung mehrfach geändert.
Vom Hörsaal in die Klinik: Wie haben Sie persönlich den Übergang vom Studium in den Berufsalltag erlebt?
Es war ein turbulenter Wechsel, plötzlich nicht mehr Studentin, sondern Ärztin zu sein. An die neue Rolle musste ich mich erstmal gewöhnen.
Was bereitet Ihnen an Ihrem ärztlichen Beruf besonders Freude – und welche Aspekte empfinden Sie als größte Herausforderung?
Ich finde Medizin schon seit meiner Jugendzeit wahnsinnig faszinierend. Und mein Beruf zeigt mir (fast) jeden Tag, wieso. Vom akuten Notfall bis zum „Routine“-Tag, es wird nie langweilig. Ich habe, gerade jetzt zu Beginn meiner Weiterbildung, eine unglaublich steile Lernkurve und bin dankbar, dass meine Ausbildung und das Studium mich so gut darauf vorbereitet haben. Außerdem habe ich in meinem Job die Möglichkeit, etwas zu bewirken: Sei es dadurch, dass ich Menschen mit akuten Erkrankungen oder Angst vor einer anstehenden OP durch patientengerechte Sprache Befürchtungen nehmen oder auch beim Überbringen von schlechten Nachrichten durch Empathie und Menschlichkeit beistehen kann. Es ist ein Privileg, dass ich diesen Beruf ausüben darf.
Die plötzliche Verantwortung zu tragen, die Angst, gerade am Anfang, vor Notfallsituationen, das war schon herausfordernd.
Wenn es einmal stressig wird: Was gibt Ihnen momentan Kraft und Durchhaltevermögen?
Privat hilft es mir, bewusst Auszeiten zu nehmen.
Im Job sind das auch oft meine Kolleg*innen. Meine Oberärzt*innen, die mir mit offenem Ohr und erfahrenem Rat zur Seite stehen, mich aber auch mit neuen Herausforderungen immer wieder daran erinnern, WARUM ich Medizin so liebe. Oder die Kolleg*innen der Pflege, die mir nicht nur mit Tipps aushelfen, sondern mich mit einem Kaffee, einem lieb angerichteten Frühstücksteller oder einem „So Vroni, jetzt ist erstmal Pause. Jetzt wird erstmal ein Stück Kuchen gegessen!“ daran erinnern, dass ich auch im Stress nicht vergessen darf, auf mich zu achten.
Gab es etwas, das Sie im Arbeitsalltag als Assistenzärztin völlig überrascht hat – positiv oder negativ?
Ja, tatsächlich hat mich die flache Hierarchie überrascht, was sicherlich auch eine Spezialität meines kleinen Hauses ist (KH Kyritz). Ob das meine neugierigen Rückfragen waren, die von meinen Oberärzt*innen und Chefärzten immer geduldig beantwortet wurden oder die Tatsache, wie schnell ich mir einen (guten) Ruf erarbeiten konnte, weil ich als Kollegin von Anfang an wahrgenommen wurde und mehr war als Assistenzärztin Nr. 3758. Das hat mir von Anfang an sehr geholfen viel dazu zu lernen.
Außerdem durfte ich erfahren, dass sich meine Angst vor dem ersten Dienst gar nicht bewahrheitet hat. Ganz im Gegenteil, ich habe mein Klinikum nochmal aus einer ganz anderen Perspektive entdeckt, jenseits des Alltagsstresses. Ich durfte lernen, dass ich nicht allein bin, sondern ein tolles Team an ärztlichen und pflegerischen Kolleg*innen um mich habe, mit denen ich mir so manche Nacht um die Ohren schlug. Hinzu kam mein sehr geduldiger Hintergrunddienst,der, egal zu welcher Tages- und Nachtzeit ich anrief, mir stets lieb und hilfsbereit zur Seite stand (das habe das aus Erzählungen von anderen Ärzt*innen auch schon ganz anders gehört).
Welche Kenntnisse oder Erfahrungen aus dem Studium erweisen sich in Ihrem jetzigen Job immer wieder als echte Hilfe?
Ich hätte niemals gedacht, dass ich das mal sagen werde, aber tatsächlich bin ich dankbar für die ganzen Jahre OSCE (so sehr ich es damals auch gefürchtet habe). Ich merke, dass ich heute noch mein OSCE-Programm abspule, von der Vorstellung, wer ich bin, über die Erklärung für meine Patient*innen, was ich vorhabe bis zur strukturierten Untersuchung, die ich durch das häufige Üben verinnerlicht habe. Das hat mir am Anfang sehr viel Sicherheit vermittelt, weil ich mich, zumindest in der Durchführung, sicher fühlte. Und bei unklaren Ergebnissen konnte ich meine Oberärzt*innen oder andere Kolleg*innen um Rat fragen.
Was sollte Ihrer Meinung nach viel häufiger offen angesprochen werden, wenn es um den Einstieg ins Berufsleben als Ärztin geht – vielleicht sogar schon während des Studiums?
Ich kann nur wiedergeben, was mir ein sehr lieber Arzt während meines PJs erzählt hat (übrigens auch in Kyritz, da zieht sich ein roter Faden durch ;-) )
„Das erste Jahr wird hart! Aber das ist okay. Das geht allen so, du bist nicht allein.“
Ich habe mich am Anfang oft mit einer guten Freundin, ehemals Kommilitonin, ausgetauscht und es tat gut zu wissen, dass ich mit Unsicherheiten, Stress, Ängsten, aber auch ersten Erfolgen und kleinen Schritten nicht allein bin. Das half mir durchzuhalten.
„Mach viele Dienste, gerade am Anfang, dadurch wirst du gut!“
Ich habe mich am Anfang bemüht, viele Dienste zu machen, und es hat mir sehr geholfen, Erfahrungen zu sammeln, eigeninitiativ zu handeln im Wissen, dass ich bei Fragen und Problemen immer noch meine Kolleg*innen und meinen Hintergrund habe.
Stellen Sie sich vor, Sie könnten Ihrem jüngeren Ich kurz vor dem Abschluss einen Rat geben – was würden Sie sagen?
„Die spannendste Zeit hast du noch vor dir, du darfst dich freuen! Und es wird alles nicht so schlimm, wie du denkst. Du bist nicht allein. Und P.S. es war eine sehr gute Entscheidung, die ganzen Fortbildungen (Sono-Kurs, Rea-Kurs, etc.) schon vor Beginn der Klinikzeit zu haben, die werden dir bald sehr helfen ;-)“
Gibt es etwas, das Sie aus Ihrer Zeit an der MHB besonders vermissen – oder das Sie sich auch heute noch von Ihrer Alma Mater wünschen würden?
Nein, ich bin einfach nur dankbar, dass sie mich auf meinem Weg zur Ärztin begleitet hat.
Wenn dein aktueller Berufsalltag ein Podcast, Song, Film oder Theaterstück wäre – wie würde er heißen?
Zwischen Faszination und Wahnsinn ;-)
_____________________________________________________
Sie möchten auch Ihre Geschichte erzählen und andere Alumni, Studierende – und diejenigen, die es noch werden wollen – mit Ihren Einblicken inspirieren? Nichts leichter als das - Wir freuen uns auf Ihre Nachricht an alumni@mhb-fontane.de