Ehemalige Lungenheilstätte Grabowsee (Oberhavel)
Die Geschichte der Heilstätten für Lungentuberkulöse in Mitteleuropa beginnt im Jahre 1854. Der junge Arzt Hermann Brehmer richtet im schlesischen Dorf Görbersdorf (am Rande des Riesengebirges) eine provisorische Lungenheilanstalt in einem alten Landhaus ein, in der er das von ihm entwickelte Verfahren der „hygienisch-diätetischen“ Behandlung anwenden möchte. Brehmer sieht die Ursachen der Tuberkulose vor allem in einem zu kleinem Herzen und einer zu großen Lunge. Auslöser der Erkrankung waren für ihn schädliche Nahrungsmittel, unzureichend belüftete, dunkle Wohnungen und ein Mangel an Bewegung. Das zu kleine Herzen könne nicht genügend Blut durch den Körper pumpen, behauptet er, sodass die Organe und insbesondere die Lunge unterversorgt blieben. Auf diese Weise lasse sich der schwache körperliche Zustand erklären, der gemeinhin als „Schwindsucht“ bezeichnet werde. Nur eine geeignete diätetische Kur an einem Ort, der gute klimatische Verhältnisse biete und in dem bisher noch keine Tuberkulose aufgetreten sei, könne zur Gesundung führen. Die „Immunität“ eines Ortes sei Voraussetzung dafür, Tuberkulöse heilen zu können. In Gebirgsregionen käme es aufgrund des vorherrschenden niedrigeren Luftdrucks nicht zur Ausbreitung der Tuberkulose. Auf den schwächeren Luftdruck müsse der Organismus mit gesteigerter Herzfrequenz reagieren und auf diese Weise werde die Lunge besser mit Blut versorgt. Die Tuberkulösen sollten sich hauptsächlich an der frischen Luft aufhalten und dem geschwächten Körper durch nahrhafte Speisen kräftigen.
Unter den Begriff „Heilstätte“ fallen spätestens seit 1900 mindestens zwei Arten von Anstalten für Lungenkranke. Die Einrichtungen lassen sich hinsichtlich ihrer Trägerschaft zwei Kategorien zuordnen: zum einen handelte es sich um Privatsanatorien für Selbstzahler und zum anderen um Volksheilstätten, die von gemeinnützigen Vereinen oder Landesversicherungsanstalten errichtet und betrieben wurden. Im Deutschen Reich trat 1889 eine erst umfassende Sozialgesetzgebung in Kraft, die die Gründung einer Alters- und Invalidenversicherung festlegte. Neu entstehende Landesversicherungsanstalten (LVA) sollten vor allem deshalb Behandlungseinrichtungen für Tuberkulosekranke schaffen, um eine drohende Erwerbsunfähigkeit nach Möglichkeit zu verhindern. Aufgrund dieser Maßgabe geriet der Bau von Heilstätten nach dem Brehmerschen Prinzip zu einem Trend. Obwohl sich die langwierigen Kuraufenthalte in den zunächst zur Verfügung stehenden Privatsanatorien für die Versicherungen sehr kostspielig gestalteten, wurde der finanzielle Aufwand für viel geringer gehalten als die Inkaufnahme einer frühen Invalidität. Die LVA waren vor allem bestrebt, Versicherte aus der Arbeiterschicht in den Anstalten unterbringen. Wichtige Ergänzung war die Liegekur, die in speziellen Liegehallen durchgeführt wurden.

Im Jahre 1896 erhielt die Heilstättenbewegung einen weiteren Aufschwung, nachdem der „Volksheilstättenverein vom Roten Kreuz“ am brandenburgischen Grabowsee (heute Landkreis Oberhavel) - zunächst versuchsweise – die erste Tuberkuloseheilstätte im Flachland eröffnete und damit eine neue Entwicklung eingeleitet hatten und festgestellt wurde, dass in den brandenburgischen Wäldern dieselben Behandlungserfolge erzielt werden konnten wie in den Mittelgebirgen. Die Anlage lag inmitten eines Kiefernwaldes nördlich von Oranienburg und bestand aus mehreren Pavillons, einem Wirtschaftsgebäude mit Küche und Speisesaal, einem Maschinenhaus, einem Waschhaus mit Desinfektionsanstalt, einer Kirche, einer Chefarztvilla und Liegehallen.
Das am 13. Juli 1899 erlassene Invalidenversicherungsgesetz regelte die Übernahme der vollen Behandlungskosten als vorbeugende Maßnahme zur Vermeidung einer möglichen Invalidität durch Tuberkulose. Die Landesversicherungsanstalten (LVA) übernahmen die meisten Häuser und es wurden viele neue Einrichtungen gebaut. Von 1899 bis 1908 stieg die Zahl der Volksheilstätten im gesamten Reichsgebiet von 33 auf 99. Als Höhepunkt der LVA-finanzierten Bautätigkeit in Preußen kann die Einrichtung der 1902 eröffneten Beelitzer Heilstätten (heute Landkreis Potsdam-Mittelmark) angesehen werden. Der Kostenaufwand für diese besonders große und nach ihrer Ausstattung auch mustergültig anzusehenden Anstalt überstieg alle vergleichbare Projekte um ein Mehrfaches.

Bereits in der Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg verzichtete die LVA Brandenburg auf den Bau neuer Heilstätten und setzten verstärkt auf das Programm, sog. Fürsorgestellen einzurichten. Deren prophylaktische Funktion bestand vor allem darin, die Bevölkerung über die Gefahren der Tuberkulose aufzuklären und Schutzmaßnahmen anzuraten. Außerdem ging man dazu über, Heilstätten zu Fachkrankenhäusern für Tuberkulose umzubauen, um auch schwerer erkrankte Personen aufnehmen zu können. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren dank der Antibiotika lange Heilstättenaufenthalte sind nicht mehr nötig. Anstalten, die zur sowjetischen Besatzungszone gehörten, wurden oft von der Rote Armee genutzt. Grabowsee war bis 1995 ein sowjetisches Militärlazarett. Nach der Wende fand man keine Neunutzung.
Die Gebäude sind seitdem ungenutzt und verfallen. Der Verein "KidsGlobe" versucht seit über zehn Jahren, die Anlage als pädagogische Einrichtung wieder herzurichten. Der Pächter Bernhard Hanke öffnet die ehemalige Heilstätte Grabowsee regelmäßig für medizinhistorisch interessierte Besucher*innen (DO/FR 12-17 Uhr und SA/SO, 10-17 Uhr); aber nur nach vorheriger telefonischer Anmeldung unter 0175 / 24 25 27 5. Festes Schuhwerk ist erforderlich. Eine Taschenlampe ist vorteilhaft. Das Gelände ist nicht barrierefrei. Bitte sehen Sie von E-Mail-Anfragen an die MHB ab.

Bilder: Sammlung A. Jüttemann