GLOSSAR

Die folgende Sammlung ist dazu gedacht, die kollaborative Forschungsarbeit sichtbar zu machen. Wir nutzen sie aber auch, um untereinander in den Austausch zu gehen.

Eine Glosse ist eine handschriftliche Ergänzung in einem alten Manuskript, die eine Textstelle erläutert, übersetzt oder kommentiert. Sie wurde im Mittelalter am Rand oder zwischen den Zeilen eingetragen und war dem Kommentator so wichtig, dass er dafür in die Originalhandschrift hineinschrieb. Ursprünglich waren Glossare Sammlungen solcher Glossen. Es handelt sich also um ein Wörterverzeichnis, das erklärungsbedürftige Wörter eines Textes erläutert und zusammenstellt und somit eine Lesehilfe für den Ursprungstext bietet.

In ähnlicher Tradition verstehen wir diese Sammlung. Sie ist Lesehilfe und Erläuterung, aber nicht für einen Text, sondern für einen Kontext. Unser Glossar ist nicht vollständig, sondern bleibt bewusst offen. Es lebt. Die Kurztexte sind Reflexionen, Kommentare und Erläuterungen zu Begriffen, die für unsere Texte und unseren Kontext (im Moment) von Bedeutung sind. Sie dienen als Reflexionen unserer Zusammenarbeit, als Hintergrundinformationen und als Versuch der Übersetzung unserer kollaborativen Zusammenarbeit.

Diese und andere Auseinandersetzungen mit kollaborativer Forschung und ihren Begriffen werden meist als hintergründig behandelt. Für uns stehen sie oft im Vordergrund: Wir denken darüber nach, für uns oder gemeinsam, diskutieren und reiben uns an ihnen. Dabei steht für uns oft im Zentrum, wie sich emanzipatorische Ansätze in der kollaborativen und partizipativen Forschung umsetzen lassen.

Die nachfolgenden Texte wurden von Mitgliedern des Co-Lab Psychische Gesundheiten* verfasst. Sie sind nur marginal redigiert und in ihrer Autor*innenschaft (auch als Pseudonym möglich) selbstverantwortet. Weitere Texte zu wichtigen Anliegen der partizipativen und kollaborativen Forschung werden hinzukommen. Außerdem haben wir Gäste zur Mitarbeit eingeladen, mit denen wir schon länger oder erst seit Kurzem zusammenarbeiten.

A - G

A

Anschlussfähig? – Forschen mit Absicht ohne Hintergrund

Ich bin nicht anschlussfähig! Ich bin nicht ausgebildet. Ich stehe nicht im Stoff. Habe nur wenig Übersicht über den Diskurs. Ich bin nur eine Betroffene. Betroffen von der Praxis, um die sich die Forschung hier dreht. Ich stehe ganz unten in der Hierarchie der als Betroffene Forschenden. Andere haben etwas oder sogar das Passende studiert. Wissen schaffen. Ich nehme wahr, versuche zu erfassen, betrachte, was ich überblicken kann. Ich stelle Fragen, suche Zusammenhänge, versuche mich an Schlüssen. Ich habe keine Ahnung, nur meine eigene eben, aus der Erfahrung und aus dem Austausch mit meinen Peers. Denken, außerhalb von Grenzen, die von anderen längst festgelegt worden sind. Ist das möglich? In der Zusammenarbeit sind erfahrene Forscher*innen und natürlich Vorgesetzte diejenigen, welche methodisch und strategisch begründete Vorgaben machen. Das gibt Sicherheit und Struktur, aber gelegentlich scheint es nötig, Vorgehensweisen zu überdenken. Manches kann nicht funktionieren, denke ich, denken die Peers im Team, die oft synchron auf die gleichen Merkwürdigkeiten reagieren. Warum wird das gerade so gemacht? Menschen, die eine Sache betrifft, sollten nicht ausgeschlossen sein, wenn man diese Sache betrachtet. Und wenn man sie einschließt, dann sollte ihnen Gehör geschenkt und Entscheidungsmacht gegeben werden. Und dann kommen Anmerkungen aus den Reihen der Peers. Man kann z.B. Vertreter*innen verschiedener Interessengruppen, die in Abhängigkeit zueinander stehen, nicht gut zusammen befragen. Ärzte, Pfleger und Patienten z.B., sie werden dann Rücksicht nehmen oder sich schützen und nicht so offen sein, wie unter Gleichen. Sollte man wirklich die Ergebnisse einer Befragung von Personen, die mit möglicherweise divergenten Bedürfnissen auf einen Sachverhalt schauen (z.B. Angehörige), mit Ergebnissen der von der Sache betroffenen Gruppe vermischen, um fundiertere Ergebnisse zu erhalten? Und auch die Interpretation von Ergebnissen kann unterschiedlich ausfallen. Verschiedene Positionen werden dann deutlich, und manchmal gelingt es nicht, einen guten Kompromiss zu finden. Ergebnisse aus einer Befragung wurden z.B. zusammenfassend als „Erleben von Nutzen*innen“ benannt, während einzelne Teammitglieder diese Bezeichnung nicht treffend fanden oder zumindest ungenau. Mit diesem Deutlichwerden verschiedener Perspektiven wurde ein Prozess gestartet, der über mehrere Projekte hinweg in dem Versuch mündete, eine andere Methode des Auswertens zu entwickeln. Ohne Team-Mitglieder mit einem vertieften Wissen über die Situation und Anliegen der untersuchten Gruppe wäre das womöglich so nicht passiert und auch nicht ohne die Bereitschaft von Entscheidern, sich auf ein Vorgehen einzulassen, welches möglicherweise auch ein Risiko in sich birgt. Wer setzt sich durch? Welche Spielräume können geschaffen werden, wie risikofreudig, kreativ, experimentierfreudig kann ein Team sein und dennoch die angestrebten Ergebnisse erreichen? Was braucht es, damit unorthodoxe Schritte akzeptiert werden und Neues entwickelt werden kann? Es gibt vielfältige Herausforderungen, die in Bedingungen und Anforderungen, in Teamzusammensetzungen oder auch in persönlichen Eigenheiten begründet sind. Unterschiedliche Wissensbestände, Ziele, Haltungen, Kapazitäten und Fähigkeiten müssen gehandhabt und idealerweise synergistisch nutzbar gemacht werden. Dazu benötigt es die Bereitschaft zur Auseinandersetzung, ausreichend Zeit, gute Moderation, Transparenz und ein ausgewogenes Verhältnis von Kompromissbereitschaft und eigensinniger Beharrlichkeit. Und natürlich braucht es ein Ziel, eine Absicht, idealerweise eine, über die die Mitglieder eines Teams auf gute Weise miteinander verbunden sind.

Jenny Ziegenhagen


B

Belastung und Motivation „Durchhalten“

Dieser Text kann triggernd wirken!

Als Beispiel im Interview, sinngemäß: „Ich wurde an ein Bett gebunden. Habe mich gewehrt. Da hat die Schwester auch noch ein Kissen auf meinen Kopf gelegt.“ Ich lese das. Kann es nicht glauben. Höre nach. Das Bild brennt sich ein. Auch später noch zweifle ich immer wieder daran, diese Worte wirklich gehört zu haben. Ich hoffe, dass es nicht wahr ist, eine trügerische Erinnerung, ein Missverständnis. Habe ich mich verhört? Es gibt einen Katalog in meinem Kopf mit schlimmen Bildern. Ein neues Bild schlägt ihn automatisch wieder auf. Wieder und wieder blättert sich das Unfassbare auf und Entsetzen fährt mir in die Glieder. Lässt mich nicht los. Nicht nur dieses eine Neue, auch alte Sachen, selbst Erlebtes, Gesehenes, Bezeugtes. Ich betrete einen Raum des Unrechts, der Machtausübung, der Gewalt. „ATME!“ höre ich mich selbst wie von fern. „Atme! Gehe jetzt ein paar Schritte, lies ein Kochrezept, nimm das Gemüse in die Hand, sieh die Farben. Sage: orange! Ja, das ist eine Möhre. Aber nein! Hör auf! Keine Bilder mehr! Jetzt ist jetzt! Hier gibt es eine Küche und das Gemüse. Mach da was draus. Das Messer ist zum Schneiden von Gemüse gedacht! Mach es klein, mach eine Suppe draus, iss die Suppe. Du musst Dich nähren, brauchst Energie, weil Du für das Beschriebene ein Wort finden musst. Nicht wieder dieses Bild! Abstand! Mach es abstrakt!“ Welches Wort kann ein Code sein für so eine Sache? Endlich finde ich ein Wort. Es steht jetzt in einer Tabelle, neben dem Zitat und der Beschreibung des Ereignisses. Später werden es andere lesen. Dieses Wort wird jeden schrecken, es kann Abwehr auslösen oder Solidarität. Mit wem man sich mehr solidarisch fühlt, hängt auch davon ab, auf welcher Seite des Tisches man saß oder sitzt und vielleicht auch, welchen Hut man gerade trägt. Das Wort muss sortiert werden. Eingeordnet, untergebracht, und es soll später zum Teil eines Ganzen werden, wird nicht mehr auftauchen in dieser Form, vielleicht. Aber bis dahin werden wir es immer wieder lesen. Was macht das mit uns? Was macht das mit den Leuten im Team? Wie gehen sie damit um? Ich weiß nicht, wer auch so eine Sammlung von Schrecken in seinem Inneren verbirgt. Wer kann das Gelesene in einen Rahmen packen und guckt dann mit Leichtigkeit woanders hin? Wenn das möglich ist, wüsste ich gern, wie das geht! Vielleicht sollten wir Kurse veranstalten: „Vergessen für Anfänger“. Das wäre was! Oder doch lieber zu einer Pille greifen, so wie ich es gelernt habe als Patientin in einer Psychiatrie? Brauche ich Supervision, Coaching, Psychotherapie oder hilft vielleicht ein Glaube oder Magie? Ist Heilung überhaupt möglich, wenn man immer wieder neu in Abgründe schaut? Ist es nicht eher nötig, möglichst viel Abstand zwischen sich und diese Sachen zu bringen? Muss ich mich entscheiden zwischen einem halbwegs heilsamen Leben und einer Arbeit in diesem Bereich? Ich möchte dieses Wort am liebsten verschwinden lassen. Das geht aber nicht! Es gehört dazu, gehört zu der Wirklichkeit, die wir einfangen wollen. Wir brauchen das. Und besser soll sie ja auch mal werden, diese Krankenhauspsychiatrie. Damit sowas nicht mehr passiert! Deshalb machen wir das ja. Und den Menschen, die uns solche Sachen erzählen, sind wir doch verpflichtet, ja, diesen zu allererst!

Jenny Ziegenhagen


Belohnung und Bestrafung

In unserer Forschung ist es so: Wenn verschiedene Bedingungen erfüllt sind, darf das, was wir machen, einen Namen bekommen – Partizipation. Wenn noch mehr Bedingungen erfüllt sind, kann es noch einen anderen Namen bekommen – Kollaboration. Für diese Forschung erhalten Forschungseinrichtungen Geld.

In der Psychiatrie ist es ähnlich: Es geht um Benehmen. Ich soll mich anpassen, ‚adhärent‘ sein (das heißt, mich zum Beispiel an eine andere Meinung dranhängen) oder ‚compliant‘ sein (also einverstanden sein). Wenn ich das schaffe, werde ich in Ruhe gelassen; dann werde ich nicht bestraft. Oder die Strafe ist bereits vorweggenommen: Dass ich etwas so machen muss, wie andere es verlangen, gehört schon dazu.

Ich finde, dass das, was in unserer Forschung über die Psychiatrie passiert, und das, was in der Psychiatrie selbst passiert, sich gleicht.
Es ist ein Prinzip: Wenn X ist, folgt Y.
X ist eine Bedingung, Y ist eine Belohnung oder eine Strafe.
Wenn ich so eine Belohnung bekomme, weiß ich, dass auch eine Bestrafung möglich ist. Auch die Belohnung ist davon abhängig, dass ich mich so verhalte, wie andere es als richtig bestimmen.

Das verstehe ich so: So, wie ein Mensch ist, ist er angeblich nicht in Ordnung. Ich habe Zweifel, dass das eine Lösung für die Probleme ist, wegen denen Menschen in der Psychiatrie sind. Und ich habe Zweifel, dass das, was wir in der Forschung machen, hilft – denn es ist das gleiche Prinzip.

Mara Lamprecht


D

Diversität

Diversität ist ein Containerbegriff: Darunter finden sich alle möglichen Konstellationen wieder, welche ein Konzept von Vielfalt, also von möglichst unterschiedlichen Personen mit verschiedenen Lebensrealitäten, Identitäten und Vulnerabilitäten, beschreiben. „Ohne Angst verschieden sein können“, hatte Adorno einst als Grundlage für ein erstrebenswertes Zusammenleben gesetzt (Adorno 2016, 116) und damit die tatsächliche Verfasstheit der kapitalistisch organisierten Gesellschaft kritisiert.

Die Forderung nach Diversität in verschiedenen repräsentativen Bereichen wie z.B. in der Forschung beschreibt dabei einen Widerspruch: Unsere Gesellschaft ist geprägt von unterschiedlichsten Menschen, welche auf vielfältige Weise ihr Leben führen. Doch trotzdem müssen wir Diversität fordern, weil es machtvolle Ausschlussmechanismen (Gatekeeping) gibt, welche dazu führen, dass privilegiertere Gruppen mehr Zugang und dementsprechend mehr Macht (er)halten. Dabei spielen vor allem Klassismus, Rassismus und Ableismus in der Forschung eine große Rolle, weil Schulabschlüsse abhängig von Elternhaus, (rassifizierten) Nachnamen und (assimilierter, also neurotypischer) Performance im Bildungssystem (un-)erreichbarer sind.

In meiner Forschungserfahrung spiegelt sich die Exklusion von marginalisierten Menschen ebenfalls wider, auch wenn sich das Co-Lab im Sinne eines kollaborativen Forschungsansatzes aus Menschen mit Psychiatrieerfahrungen und/oder Diagnosen, also Verrückten/Neurodiversen sowie neurotypischen Forscher*innen zusammensetzt. Es gibt eine Tendenz, sich in (kollaborativen) Forschungskontexten auf eine Machtachse zu fokussieren (in unserem Fall Sanismus, also die Diskriminierung von Psychiatriebetroffenen/Verrückten) und andere Ausschlussstrukturen wie z.B. Rassismus zu übergehen. Das Wissen der Forscher*innen und die Wissensproduktion müssten aber die Diversität von Lebensweisen und -erfahrungen widerspiegeln; nicht nur, um gleiche Chancen zu ermöglichen, sondern auch, weil dieses Wissen essenziell ist, um neue Erkenntnisse über unser (Zusammen-)Leben entwickeln zu können: Patricia Hill Collins (2009) differenziert zwei verschiedene Formen des Wissens: Zum einen das Buchwissen (knowledge) und zum anderen Weisheit (wisdom), welche durch das eigene Erleben und Erfahren generiert wird. Das Erfahrungswissen ist marginalisiertes Wissen, also Weisheit von Menschen, welche an den Rändern der Gesellschaft verortet werden. In den Disability Studies spricht Anne Waldschmidt davon, dass Behinderung ein erkenntnisleitendes Moment sei, um die Gesellschaft zu analysieren und zu transformieren (Waldschmidt & Schneider 2003).

Diversität spiegelt demnach nicht nur die gesellschaftliche Realität wider, sondern ist auch die angemessene Grundlage für eine konsequente Wissensproduktion. Dabei ist es wichtig, Diversität in seiner Komplexität und Intersektionalität, also Verschränktheit, ernst zu nehmen. In einem vergangenen Projekt der MHB („Mind the City“), haben wir versucht, der rassistischen Exklusion entgegenzuarbeiten und ein diverser aufgestelltes Team zu bilden. Wir scheiterten dabei aufgrund fehlenden Wissens, Mangel an guten Vorbildern sowie an begrenzter Bereitschaft bzw. Fähigkeit, radikal umzudenken (siehe dazu Ref.). Das Forschen in einem diversen Team ist herausfordernd, da die Machtverhältnisse der Gesellschaft auch den Mikrokosmos der Arbeitsgruppe prägen.

Sannik Ben Dehler bietet für diese Herausforderungen Orientierung und nennt drei Kernbereiche, welche intersektionales Forschen kennzeichnen sollten: „Anerkennung marginalisierten Wissens, Förderung von Verteilungsgerechtigkeit und Reflexion eigener Ausschließungspraxen“ (Dehler 2024, 71). Diese Orientierung könnte ein Anfang sein, um Diversität innerhalb eines Forschungsteams zu gestalten, der Diversität im Forschungsfeld gerecht zu werden und um neues Wissen, neue Weisheiten zu generieren und zu teilen. Das Ziel ist kein geringeres, als die angstfreie Verschiedenheit.

Adorno, Theodor, W. (2016): Minima Moralia. Berlin: Suhrkamp

Collins, Patricia Hill (2009): Black Feminist Thought: Knowledge, Consciousness, and the Politics of Empowerment. New York/London: Routledge

Dehler, Sannik Ben (2024): Zur (Un-)Möglichkeit, intersektional zu forschen. Entwicklung eines Fragenkatalogs zur Reflexion epistemischer Gewalt. In: Gender: Zeitschrift für Geschlecht, Kultur und Gesellschaft, Jg. 16 (2024) Nr. 2, 71–87. DOI: https://doi.org/10.25595/2993.

Waldschmidt, Anne; Schneider, Werner (2003): Soziologie der Behinderung – Aktueller Stand und Perspektiven einer speziellen Soziologie. In: Allmendinger, Jutta (Hrsg.). Entstaatlichung und soziale Sicherheit. Verhandlungen des 31. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Leipzig 2002. Opladen Leske + Budrich,

rosa* Kato Glück


Diskrepanz und Dissonanz „Irre!“

Die Zusammenarbeit in einem Team wird vor dem Hintergrund gegensätzlicher Erfahrung und Stellung in den zu beforschenden Behandlungskontexten immer eine Herausforderung sein. Nicht immer kristallisieren sich unterschiedliche Sichten und Standpunkte zwischen berufsbasiertem oder persönlichem Erfahrungswissen aus, aber oft genau dort. Unterschiedliche Sichten können Diskrepanzen erzeugen, die womöglich langfristig zu Hindernissen werden.

Beispielhaft schildere ich hier den Umgang mit einem Begriff: Wenn der Begriff „Nutzer*in“ statt „Patient*in“ verwendet werden soll, steht dahinter u.a. die Absicht, Menschen, die eine eher passive Rolle ausfüllen, anderen untergeordnet sind, zu ermächtigen. Es liegt auch nahe, den Begriff „Nutzer*in“ zu wählen, weil „user“ im Englischen bereits eingeführt ist. Einige Psychiatrieerfahrene betrachten die Absicht, die Position einer Personengruppe in einem bestimmten, von ungleicher Machtverteilung geprägten Kontext durch Wortwahl positiv zu beeinflussen, als Fehler.

Der Begriff „Nutzer*in“ suggeriert, dass Patient*innen die angebotene medizinische Leistung freiwillig und ohne Not wählen würden, sie selbstbestimmt für sich in Anspruch nähmen, eben nutzten, was ihnen dargeboten wird. So etwa, wie man vielleicht das Angebot seines bevorzugten Friseursalons nutzt, wenn die Haare zu lang geworden sind. Nein! Niemand geht ohne Not als Patient*in in die Psychiatrie. Und es gibt auch keine Alternative dazu. Auch hinsichtlich der Klinik hat man keine Wahl. Vielleicht fühlen sich einige „Nutzer*innen“ eher an die Möglichkeit von Eigenmacht, Selbstverantwortung oder Selbstwirksamkeit erinnert, wenn sie nicht als „Patient*innen“ angesprochen werden. Aber, wie sich z.B. in Interviewsituationen zeigt, fühlen sich viele überhaupt nicht gemeint. Man muss es ihnen erklären! Sie verstehen sich selbst als „Patient*innen“ und bezeichnen sich auch so. Der Unterschied in Sachen Handlungsmacht zwischen ihnen selbst und Behandler*innen ist aus ihrer Perspektive nicht zu übersehen: Sie haben ein gesundheitliches Problem (oder andere schätzen das so ein) und die Behandler*innen sollen und wollen eine Lösung haben dafür.

In dieser Konstellation steckt die Hoffnung auf Hilfe und Heilung, aber auch die Notwendigkeit, die eigene, untergeordnete Position zu akzeptieren. Die Behandler*innen bzw. die Institution Klinik stellen die Regeln auf, nach denen sich Patient*innen zu richten haben, und sie wenden notfalls – in der Psychiatrie – auch Gewalt an. Manche Patient*innen haben gar keine andere Wahl, als eine Behandlung zu akzeptieren, weil sie nicht freiwillig in einem Krankenhaus sind. Indem man „Patient*innen“ zu „Nutzer*innen“ deklariert, ändert man nichts an ihrer Position! Und zynisch klingt das Wort „Nutzer*innen“, wenn sich eine durch Mediziner verordnete Lösung langfristig als Last entpuppt. Dieser Wechsel der Bezeichnung führt zu einer Verschleierung der Situation. Trotzdem wird der Begriff „Nutzer*in“ im Forschungsalltag verwendet. Wer hat sich hier durchgesetzt? Für manche Forschende mit Behandlungserfahrung fühlt es sich wie Irreführung an, wenn sie von „Nutzer*innen“ sprechen müssen. Eine Irreführung, an der sie gezwungen sind, sich zu beteiligen.

Und so erleben sie als Forschende, wie die eigene Sicht übergangen wird. Sie müssen dann mit einer inneren Dissonanz leben. Außerdem wiederholt sich, was sie aus eigener Psychiatrieerfahrung bereits kennen, denn dort vorhandene Konstellationen werden in der Forschungsgruppe reproduziert. Inwiefern wirkt sich so etwas wohl auf das Verhältnis zwischen den Mitgliedern von Forschungsteams aus? Und wie löst man das wieder auf?

Jenny Ziegenhagen


E

Emotionale Arbeit

Bisherige Auseinandersetzungen zur Frage der emotionalen Arbeit im Feld der partizipativen oder kollaborativen Forschung sehen diese Arbeit vor allem auf der Seite der Forschenden mit Psychiatrie-Erfahrungen (Brosnan, 2019; Faulkner & Thompson, 2023, Voronka, 2017). Dieser Fokus ist begründet angesichts der häufig begrenzten Ressourcen, mit denen sie zurechtkommen müssen (→ Finanzierung) sowie anderer struktureller Probleme, die dazu führen, dass Forschende mit Psychiatrie-Erfahrungen oft deutlich mehr investieren müssen, um gehört zu werden, nicht selten mit nur wenig Erfolg (→ Pseudobeteiligung). Emotionale Arbeit wird im Feld der partizipativen und kollaborativen Forschung aber auch von Forschenden geleistet, die als Mitarbeiter*innen in der Psychiatrie arbeiten, wenn auch in anderer Weise – ich will hier keine Gleichsetzung vornehmen! –, die bisher nur in wenig Literatur zum Thema gemacht wird (Church, 1995; von Peter & Bos, 2022).

Kollaborative Forschung bedeutet immer auch Beziehungsarbeit und emotionale Zumutung füreinander (Beeker et al., 2021). Sie erfordert eine Haltung der „passibility“ (Wisselink et al., 2025), also wachsamen Geduldsamkeit, um Differenzen aushalten und auseinandersetzen zu können, ohne dabei die Fassung zu verlieren oder die Beziehung direkt lösen zu müssen. In einem Projekt habe ich drei Monate gebraucht, bis ich verstanden habe, dass Mitarbeitende in der Psychiatrie über ein (völlig) anderes Ausmaß an Handlungsmacht verfügen als Patient*innen – angesichts der Intensität dieser Diskussionen eine (unbezahlte) Herausforderung für alle Beteiligte, mit unangenehmen Gefühlen (z.B. sich nicht verstanden/ nicht gehört fühlen/ sich nicht vermitteln können) umzugehen und trotzdem im Kontakt miteinander zu bleiben. Gleichzeitig sind vulnerable (→ Vulnerabilität) und fragile (→ Fragilität) Positionen in kollaborativen Forschungsteams unterschiedlich verteilt, was diesbezüglich ungleiche Belastungen mit sich bringt.

Meine Einsicht hat auch deswegen so lange auf sich warten lassen, weil ich meine eigene Handlungsmacht innerhalb der Psychiatrie (aus Ohnmachtsgefühlen und/oder Abwehr eigener Privilegien?) oft unterschätze und Zeit brauchte, um mich (erneut) mit Fragen der eigenen Verantwortlichkeit in diesem Kontext auseinanderzusetzen. Diese Fragen der Verantwortlichkeit als Psychiater wiederum sind eng gekoppelt an biographisch-familiäre Hintergründe. Diese wiederum sind grundlegend für meine kritische Haltung gegenüber der Psychiatrie (→ Kritik), was deutlich macht, dass sich auch Forschende ohne Psychiatrieerfahrungen in kollaborativer Forschung nicht auf ihre akademischen oder klinischen Rollen zurückziehen können, sondern immer als „ganze Person“ gefragt sind, mit allen ihren Stärken und Schwächen, Ängsten und Vorbehalten.

Die Reflexion unserer Motivationen, Positionen, Einstellungen (→ Allyship) wirft eben oft persönliche, biographisch gebundene Fragen auf (von Peter & Bos, 2022), für deren Verstehen, Nachfühlen und Bewältigung wir Zeit, Mut und Kraft brauchen. Obwohl das ursprüngliche Konzept von Allyship diese Art der Arbeit kaum berücksichtigt, zählt für mich eine solche reflexive, oft langwierige, gefühlsgetragene Auseinandersetzung z.B. mit der eigenen Positionierung auch unter emotionale Arbeit, weil sie 1) in (übrigens auch nicht-kollaborativer) Forschung nicht „eingepreist“ ist und damit unbezahlt erbracht wird, und 2) einen persönlichen Auseinandersetzungsprozess zur Erfüllung von Arbeitszielen nutzbar macht.

Als zweites Beispiel will ich meine Auseinandersetzung mit „Täterschaft“ von psychiatrisch Tätigen anführen, die ebenfalls nur durch meine Beteiligung an kollaborativer Forschung losgetreten wurde. Wie viele Mitarbeitende in Sozialberufen, bin auch ich Psychiater geworden, um die Welt etwas besser zu machen und Menschen zu helfen. Es hat mich einiges gekostet, zu erkennen, dass ich trotzdem nicht (per se) zu den „Guten“ dieser Welt gehöre. Auch ich trage zu Verletzungen und zur Reproduktion von Ungleichheit bei, im Kontext der Psychiatrie bspw. durch die Umsetzung von Behandlungen gegen den Willen der betroffenen Person oder manchmal auch schon durch die unachtsame Vergabe einer Diagnose. Der Begriff der „Täterschaft“ (Chapman, 2010) ist stark, aber zur Gewinnung von Erkenntnis nicht schlecht gewählt, weil er mir hilft, meine Rolle im System gründlich zu überdenken und nachzufühlen.

Diese und andere, vor allem auch emotionalen Auseinandersetzungsprozesse führen bei mir immer wieder zu Schuld- und Schamgefühlen (Ogette, 2025). Diese Gefühle sind einerseits wichtig, um zu verstehen, was mit mir oder im Projekt gerade los ist, können mich aber auch handlungsunfähig machen. Hier hilft es mir, eine strukturelle Perspektive einzunehmen: Wir alle reproduzieren Macht und Verletzungen, jeden Tag, auch wenn wir uns noch so bemühen, es nicht zu tun, weil wir uns alle in ein und denselben Systemen befinden. Diese Gemeinsamkeit hilft mir, meine Fehler einzugestehen, aus Kritik zu lernen, und mich entschuldigen zu können (→ Allyship), was vor leeren „Pseudoentschuldigungen“ (Davidow, 2020) zwar nicht schützt, die Zusammenarbeit aber deutlich erleichtern kann.

Beeker, T. et al. (2021) “Designed to clash? Reflecting on the practical, personal, and structural challenges of collaborative research in psychiatry,” Frontiers in Psychiatry, 12, p. 701312. Available at: https://doi.org/10.3389/fpsyt.2021.701312.

Brosnan, L. (2019) “The Lion’s Den’: The Epistemic Dimensions of Invisible Emotional Labour in Service-User Involvement Spaces,” Journal of Ethics in Mental Health, 10, pp. 1–16.

Chapman, C. (2010) Becoming perpetrator: How I came to accept restraining and confining disabled Aboriginal children. PsychOut: A Conference for Organizing Resistance Against Psychiatry, OISE, Toronto. Available at: http://www.individual.utoronto.ca/psychout/papers/Chapman_paper.pdf (Zugang: 19. März 2026).

Church, K. (1995) Forbidden narratives: Critical autobiography as social science. Amsterdam, Netherlands: Gordon & Breach Science.
Davidow, S. (2020) Power means never say you’re sorry. Mad in America. Available at: https://www.madinamerica.com/2020/01/power-means-never-say-youre-sorry (Zugang: 19. März 2026).

Faulkner, A. and Thompson, R. (2023) “Uncovering the emotional labour of involvement and co-production in mental health research,” Disability & Society, 38(4), pp. 537–560. Available at: https://doi.org/10.1080/09687599.2021.1930519.

Ogette, T. (2025) EXIT RACISM, Exitracism.de. Available at: https://www.exitracism.de (Zugang: 19. März 2026).

Peter, S. & Bos, G. F. (2022): The Necessity of Unsettling Encounters in Collaborative Research – Reflections of Two Researchers without Experiential Expertise. In: Collaborations: A Journal of Community-Based Research and Practice, 5(1), Art. 4, S. 1–15.

Voronka, J. (2017) “Turning Mad Knowledge into Affective Labor: The Case of the Peer Support Worker,” American Quarterly, 69(2), pp. 333–338. Available at: https://www.jstor.org/stable/26360855.

Wisselink, A. et al. (2025) “Passible polyphony: An extensive team-reflexivity process for hierarchical, transdisciplinary research teams,” Qualitative Research [Preprint], (14687941251350875). Available at: https://doi.org/10.1177/14687941251350875.

Sebastian von Peter


F

Förderung und Finanzierung

Eigentlich ist die Botschaft sehr simpel: kollaborative Forschung braucht Freiräume und Kontinuität in Förderung und Finanzierung! Unter dem Begriff Förderung fasse ich nachfolgend Hürden zusammen, die erschweren, dass kollaborative Forschung an finanzielle Mittel kommt. Der Begriff Finanzierung bezieht sich auf (Un-)Möglichkeiten der Vergütung von wissenschaftlichen Mitarbeitenden, die auf der Grundlage ihres Erfahrungswissens in kollaborativen Forschungsprojekten arbeiten.

Es wurde viel dazu geschrieben, dass gängige Förderlogiken nicht gut zu partizipativer oder kollaborativer Forschung passen (Bethmann, Behrisch & von Peter, 2021; ICPHR, 2021; von Peter et al., 2020): kaum Finanzierungsmöglichkeiten von gemeinsamer Antragstellung, zu kurze Laufzeiten, zu wenig Berücksichtigung des erhöhten Ressourcenaufwands dieser Projekte. Demgegenüber fehlt es an systematischen Arbeiten, die Zusammenhänge zwischen finanzieller Kontrolle und Handlungsmacht empirisch nachweisen. Das ist umso schwerwiegender, als finanzielle Kontrolle unseren Erfahrungen einen immensen Einfluss auf die Gestaltung eines Arbeitsprogramms oder von Forschungsbeziehungen haben kann. Die für partizipative und kollaborative Forschung notwendige Umverteilung von Handlungsmacht erforderte also grundlegendere Veränderungen der Zugriffslogik auf Ressourcen: Selbsthilfe- und Interessenvertretungsorganisationen sollten die Möglichkeit erhalten, sich als Hauptantragsteller um Fördermittel zu bewerben, um strukturelle Abhängigkeiten zu verringern, die sich immer auch auf die Wissensproduktion auswirken (Carr, 2019). Dafür braucht es deutlich niederschwellige Antragsprozedere und sequenziell portionierte Mittelvergaben, wie diese in den Niederlanden bereits möglich sind (NWO, 2026; ZonMw, 2026).

Die Konsequenzen von prekär oder gar nicht finanzierter kollaborativer Forschungsarbeit sind ebenfalls vielfach beschrieben (Carr, 2019; MacKinnon et al., 2021; Papoulias & Callard, 2022). Diskontinuierliche Drittmittelförderung eignet sich für diese Arbeit eigentlich nicht, weil Projekte oft aufeinander aufbauen, im Sinne einer kontinuierlichen Entwicklung neuen oder alternativen Wissens, deren Gelingen auf kontinuierliche Existenzsicherung der Forschenden angewiesen sind. Viele Forschende mit Psychiatrie-Erfahrungen leben außerdem in prekären Lebenslagen. Sie verfügen häufig über wenige oder gar keine existenzsichernde Arbeitsalternativen, was ihre Entscheidungsfreiräume bei der Mitarbeit in kollaborativer Forschung einschränkt. Angesichts der Vielfalt ihrer Lebenslagen und von rigiden Entlohnungssystematiken braucht es oft Kreativität, um überhaupt einen Finanzierungsweg zu finden. Hinzu kommen Fragen in Bezug auf die Anrechnung von Arbeitszeit: Emotionale Arbeit (→ emotionale Arbeit) ist meistens unsichtbar, in unseren Projekten berechnen wir für diese deshalb pauschal 1/3 der Arbeitszeit.

Außerdem fehlt es in gängigen Tarifsystemen an Entlohnungsstufen und -logiken zur Anerkennung von Erfahrungswissen. In Kombination mit der in akademischen Kontexten oft unzureichenden Wertschätzung dieses Wissens resultiert eine in vielen Fällen deutlich zu niedrige Eingruppierung von Forscher*innen mit Psychiatrie-Erfahrungen, was die Frage aufwirft, ob dem oft so bezeichneten Status der Erfahrungs-Expertise (!) auch finanziell immer Rechnung getragen wird. In diesem Zusammenhang benennen eine Reihe von Arbeiten (Carr, 2019; MacKinnon et al., 2021; Papoulias & Callard, 2022) unterschiedliche Formen der materiellen Prekarität, unsichere Arbeits- bis hin zu eindeutigen Ausbeutungsverhältnissen – Umstände, die allein schon dazu beitragen können, dass sich (gefühlte oder tatsächliche) Zustände der epistemischen Unterlegenheit von Forscher*innen mit Psychiatrie-Erfahrungen herstellen.  

Bethmann, A., Behrisch, B. & von Peter, S. (2021): Förder- und Rahmenbedingungen für partizipative Gesundheitsforschung aus Projektsicht. Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz, 64(2), S. 223–229. https://doi.org/10.1007/s00103-020-03274-w

Carr, S. (2019): ‘I am not your nutter’: A personal reflection on commodification and comradeship in service user and survivor research. Disability & Society, 34(7–8), S. 1140–1153. https://doi.org/10.1080/09687599.2019.1608424

International Collaboration for Participatory Health Research (ICPHR) (2021): Positionspapier 4: Finanzierung partizipativer Gesundheitsforschung. Stand: Juli 2021. Baltimore, USA: Internationale Zusammenarbeit für partizipative Gesundheitsforschung.

MacKinnon, K. R., Guta, A., Voronka, J., Pilling, M., Williams, C. C., Strike, C. & Ross, L. E. (2021): The political economy of peer research: Mapping the possibilities and precarities of paying people for lived experience. The British Journal of Social Work, 51(3), S. 888–906. https://doi.org/10.1093/bjsw/bcaa241

Netherlands Organisation for Scientific Research (NWO) (2026): Dutch Research Agenda (NWA). Verfügbar unter: https://www.nwo.nl/en/researchprogrammes/dutch-research-agenda-nwa (Zugriff: 19.03.2026)

Netherlands Organisation for Health Research and Development (ZonMw) (2026): Knowledge utilisation. Verfügbar unter: https://www.zonmw.nl/en/about-zonmw/knowledge-utilisation (Zugriff: 19.03.2026).

Papoulias, S. C. & Callard, F. (2022): Material and epistemic precarity: It’s time to talk about labour exploitation in mental health research. Social Science & Medicine, 306, 115102. https://doi.org/10.1016/j.socscimed.2022.115102

von Peter, S., Bär, G., Behrisch, B., Bethmann, A., Hartung, S., Kasberg, A., Wulff, I. & Wright, M. T. (2020): Partizipative Gesundheitsforschung in Deutschland – quo vadis? Das Gesundheitswesen, 82(4), S. 328–332. https://doi.org/10.1055/a-1076-8078

Sebastian von Peter

 

H - O

K


Konflikte

Wir sind keine homogene Gruppe. Alles, was an Konflikten in Arbeitszusammenhängen auftauchen kann, gibt es bei uns. All das ist besonders im Wissenschaftskontext üblich, auch die negativen Gefühle, der Neid, die Unsicherheit, das Blicken auf den wissenschaftlichen Werkzeugkasten der anderen und die Frage, reicht mein eigener. Dazu kommt, dass wir alle prekär beschäftigt sind und uns von Projekt zu Projekt hangeln. Wir wollen gute Arbeit machen, zwar intrinsisch motiviert, aber auch, um weiterarbeiten zu können.

Es gibt Konflikte, die daraus erwachsen, dass wir mit unterschiedlichen Kompetenzen multiperspektivische Teams bilden. Es gibt die Macher, es gibt die Denker, es gibt die Kreativen. Es gibt die Kommentatoren oder die mit Redefluss. Es gibt Pragmatische und Zögerliche. Es gibt Schnellschießer und Gründliche. Und es gibt Herkünfte aus unterschiedlichen Wissen(schaft)sdiskursen. Und alle arbeiten an einem gemeinsamen Projekt oder wie im CoLab sogar projektübergreifend an einer Sache. Dann gibt es noch die Profis, die zu den gleichen Typen gehören, die aber nie diese komplette Hilflosigkeit und das Ausgeliefertsein in der Psychiatrie erfahren haben, auch wenn man ihnen ein Krisenerleben nicht abspricht. Sie haben ihre akademische Distanz, wir unsere akademische Nähe zu dem, was wir erforschen. Natürlich knallt es da, nicht nur zwischen Profis und Erfahrenen, sondern auch mittendrin. Manchmal implodiert es auch und das Ergebnis ist Schweigen. Das liegt an unterschiedlichen Arbeitsstilen, es knallt, wenn eine Publikation zu 90 Prozent von zwei Personen beackert wird, die Kommentatoren aber das letzte Wort haben. Wenn die Pragmatischen lieber früh anfangen, eine Arbeit zu erledigen, während die Kreativen auf den letzten Drücker warten. Es gibt die Sehnsucht nach Gerechtigkeit, Vergleichbarkeit, Gesehen werden, nach ähnlichen Anforderungen und dem gleichen Arbeitspensum.

Weil die meisten von uns Krisenerfahrungen haben und Strategien finden mussten, sich zu schützen, um zu überleben, ist es manchmal doppelt schwer. Diese Strategien sind unterschiedlich und individuell und nicht immer kompatibel. Krise heißt, existenzielle Bedrohungen mit und ohne Gewalt erlebt zu haben. Die Zündschnur ist dann lebenslang unterschiedlich kurz, aber immer am Lodern.
Die Unterschiedlichkeit, unsere Diversität und unsere Reflexionserfahrung ist ein Schatz, jeder Beitrag zum Ergebnis einzigartig und wertvoll.

Daniela Schmidt


Kritik

Schon historisch gesehen gibt es eine große Nähe und viele Gemeinsamkeiten zwischen partizipativer Forschung und kritischen Verständnissen von Wissenschaften. Beispielsweise hat die partizipative Gesundheitsforschung Wurzeln in der Aktionsforschung und weist Sympathien zu emanzipatorischen Forschungsansätzen der Disability und Mad Studies auf. Im Bereich Mental Health zeigen einige Autor*innen, wie stark betroffenenkontrollierte, aber auch partizipative Forschungsansätze aus den sozialen Bewegungen der 1960er/70er Jahre hervorgegangen sind (King & Gillard, 2019), aus der damaligen kritischen Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Verhältnissen und denen der akademischen Wissensproduktion. Angesichts dessen erklären Autor*innen einen kritischen Forschungszugang zur unbedingten Voraussetzung von partizipativer Forschung (Fine & Torre, 2021).

Ähnliches gilt auch für Koproduktion, und damit auch für die ethischen und methodologischen Grundlagen von kollaborativer Forschung. Koproduktion zielt im Ursprung auf eine Umverteilung von Macht und Verringerung sozialer Ungleichheit in institutionellen und gesellschaftlichen Kontexten (Wheeler et al., 2024). Gestärkt werden soll das Empowerment und mehr Selbstbestimmung geschaffen von (kritisch!) so bezeichneten „throw away people“ (Cahn, 2000), also von Menschen, die bspw. aufgrund verringerter Leistungsfähigkeit in der zunehmenden Neoliberalisierung der 1980er Jahre als „überflüssig“ deklariert wurden. Im Kontext dieser Entwicklungen hat sich das Konzept außerdem zunehmend verwässert; es wurde von seinen politisch-kritischen Wurzeln getrennt und im Rahmen von eher konsumeristisch orientierten Forschungsansätzen vereinnahmt: Während letztere darauf zielen, die Gesundheitsversorgung entlang der Bedürfnisse ihrer Nutzer*innen zu optimieren, geht es demokratisch legitimierten kollaborativen Ansätzen darum, ihre grundlegend-strukturellen Bedingungen infrage zu stellen, bzw. herauszufordern.

Unter kritischer Forschung verstehe ich Forschung, die erstens in einem kritischen Verhältnis zum Forschungsgegenstand steht, bzw. umgekehrt darauf zielt, die (oft desolate) Situation der Forschungsteilnehmenden zu verbessern. Zweitens gehört für mich ein expliziter oder grundlegender Bezug auf kritische Theoriebildung dazu, bzw. auf kritische oder Machttheorie. Drittens ist für diese Forschung eine selbstkritische Reflexivität der Forschenden notwendig, vor allem, um den Einfluss der eigenen Vorannahmen und Positionen auf das Vorgehen und die Interpretation der Ergebnisse zu überprüfen. Alle drei Aspekte können sich in kollaborativen Projekten schon allein durch die Teamzusammensetzungen herstellen:

Meiner Erfahrung nach bringen sich Psychiatrieerfahrene Menschen in Forschung nicht deshalb ein, weil sie in der Psychiatrie so gut unterstützt wurden, sondern weil sie dort teils drastische Missstände und Verletzungen erlebt haben. Das eingebrachte (kollektive) Erfahrungswissen (→ Erfahrungswissen) emergiert sowohl aus politischem Engagement als auch aus der intellektuellen Auseinandersetzung mit erlebten Situationen, wie die Literatur zum Thema zeigt (Sweeney & Beresford, 2020). Eine kritische Aufladung dieses Wissens liegt also in der Natur der Sache, weil es durch oft jahrelanges Bemühen um gesellschaftlichen oder institutionellen Wandel ausdifferenziert wurde. Aus meiner Sicht liegt in dieser kritischen Note auch ein wesentlicher Wert von Erfahrungswissen, den andere Autor*innen als starkes Veränderungspotential marginalisierter Standpunkte (Harding, 2003) oder als besonderen Tief- und Scharfsinn von Erfahrungswissen (Oliver, 2009) rahmen, bis hin zur These der „Überlegenheit der Unterlegenen“ (Loick, 2024).

Eine kritische Forschungshaltung ist aber auch für Wissenschaftler*innen wie mich ohne Psychiatrieerfahrungen notwendig, allein schon, um die Psychiatrieerfahrenen Forschenden nicht als „Gallionsfiguren“ zu missbrauchen (Grey, 2016). Kollaborative Forschung birgt die Gefahr, dass sich die Forschenden ohne Psychiatrieerfahrungen mit Kritik zurückzuhalten, bzw. diese Kritik an die Forschenden mit Psychiatrieerfahrungen delegieren, was zu einer Schieflage der Zusammenarbeit und Reproduktion epistemischer Ungerechtigkeit führen kann (Brosnan, 2019). Es ist daher wichtig, dass auch Menschen wie ich sowohl in wissenschaftlichen als auch klinischen und Lehr-Kontexten nicht mit Worten sparen, um eigene Kritik an psychiatrischer Gewalt, an oft toxischen institutionellen Kulturen und an damit verbundener Entmenschlichung von sowohl Patient/Nutzer*innen als auch Mitarbeitenden psychiatrischer Einrichtungen zu üben. Psychiatrie kann für einige Menschen Teil einer Lösung sein, für viele ist sie das aber nicht, sondern Teil des Problems, was aus meiner Sicht viel zu selten benannt wird.

Dabei empfinde ich auch mich selbst als Teil dieses Problems. Auch ich bin im „System Psychiatrie“ sozialisiert und reproduziere für einige Menschen verletzende oder auch schädliche Vorstellungen von „psychisch krank/gesund“, bzw. trage zu ihrer gesellschaftlichen Hegemonie bei. Ich will mich mit meiner Kritik also nicht über meine Kolleg*innen stellen, sondern begreife mich selbst als Teil psychiatrischer Machteffekte. Ichversuche darum so gründlich es geht, über meine arbeitsbezogenen Motivationen, Gefühle, Wünsche und Ziele nachzudenken, um gegensteuern zu können. Außerdem kann auch ich von diesem System betroffen sein, sicher nicht in der Art und Weise, wie es Patient/Nutzer*innen sind, aber auch sehr persönlich und auch als schmerzhafte Wiederholung von familiär oder gesellschaftlich erlebter Gewalt. Der letzte Aspekt des persönlichen Betroffenseins kommt mir auch in Arbeiten kritischer Psychiater*innen (Middleton & Moncrieff, 2019) deutlich zu kurz. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum die kritische und Anti-Psychiatrie auch historisch wenig bis kaum partizipativ oder im Bündnis mit der Bewegung der Psychiatrieerfahrenen vorgegangen ist.

In medizinischen Wissenschaften wird kritisches Denken oft mit „critical appraisal“ gleichgestellt, also einer kritisch-reflexiven Bewertung von Forschungsergebnissen und klinischen Praktiken. Das greift mir zu kurz, weil diese Bewertung eher eine intellektualisierende Auseinandersetzung unter Berücksichtigung einer bestimmten Logik impliziert und weniger ein grundlegendes, emotionalisiertes, drängendes Hinterfragen der grundlegenden Werte, Wissensbestände und Fundamente wissenschaftlich-praktischen Tuns. Ich verstehe meine wissenschaftliche Arbeit als verschränkt mit meinem aktivistischen Engagement (→ Allyship), wie dies in Konzepten der engagierten Forschung als Möglichkeit vorgesehen ist. (Alle und nicht nur kollaborative) Forschung ist für mich immer situiert und positioniert, was wissenschaftliche Beiträge immer auch zu einer Art politischen Arbeit macht (Haraway, 1988; Latour & Woolgar, 1986). Ich kann kollaborative und partizipative Wissenschaft also gar nicht als nicht-kritisch denken, v.a. dann nicht, wenn sie explizit darauf zielt, den jeweiligen Untersuchungsgegenstand in die Veränderung zu bringen.

Umso mehr wundert es mich, auf welche Widerstände wir mit unser kollaborativen Forschung stoßen. Immer wieder wird das kollektive Erfahrungswissen, mit dem wir arbeiten wollen, als „Einzelmeinung“ oder „subversiv“ abgewertet, was im Kontext der Begutachtung von Drittmittelanträgen oder wissenschaftlichen Publikationen für uns auch existentielle Dimensionen annehmen kann. Hier wäre auf Seiten der Gutachtenden (und übrigens auch in klinisch-praktischen Kontexten) eine Hermeneutik „of faith“ hilfreich (Josselson, 2004), also eine Haltung, die Menschen erst einmal glaubt und ihnen in ihrer Argumentation folgt, anstatt sie zu problematisieren, bzw. zu pathologisieren und nach immer mehr „Beweisen“ zu verlangen. Hilfreich wäre auch mehr Wissen um Konzepte der testimonialen und hermeneutischen Ungerechtigkeit (Fricker, 2013), und damit verbunden darum, dass Erkenntnisse jenseits hegemonialer Konzepte wie „diffuse Kritik“ ankommen können, weil sie an Sprache und Gefühle anschließen, die noch nicht gut artikuliert oder verstanden sind. Kritik würde dadurch zur willkommenen Einladung eines neuen oder vertieften Verstehens, anstatt als „Aktivismus“ und „disruptiv“ abgetan zu werden.
Brosnan, L. (2019): ‘The lion’s den’: The epistemic dimensions of invisible emotional labour in service-user involvement spaces. Journal of Ethics in Mental Health, 10, S. 1–16.

Cahn, E. S. (2000): No more throw-away people: The co-production imperative. Washington, DC: Essential Books.

Fine, M. & Torre, M. E. (2021): Essentials of critical participatory action research. Washington, DC: American Psychological Association.

Fricker, M. (2013): Epistemische Ungerechtigkeit: Macht und die Ethik des Wissens. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.
Grey, F. (2016): Benevolent othering: Speaking positively about mental health service users. Philosophy, Psychiatry, & Psychology, 23(3–4), S. 241–251. https://doi.org/10.1353/ppp.2016.0025

Haraway, D. (1988): Situated knowledges: The science question in feminism and the privilege of partial perspective. Feminist Studies, 14(3), S. 575–599. https://doi.org/10.2307/3178066

Harding, S. (ed.) (2003): The feminist standpoint theory reader: Intellectual and political controversies. London, England: Routledge.
Josselson, R. (2004): The hermeneutics of faith and the hermeneutics of suspicion. Narrative Inquiry, 14(1), S. 1–28. https://doi.org/10.1075/ni.14.1.01jos

King, C. & Gillard, S. (2019): Bringing together coproduction and community participatory research approaches: Using first person reflective narrative to explore coproduction and community involvement in mental health research. Health Expectations, 22(4), S. 701–708. https://doi.org/10.1111/hex.12908

Latour, B. & Woolgar, S. (1986): Laboratory life: The construction of scientific facts. 2nd ed. Princeton, NJ: Princeton University Press.

Loick, D. (2024): Die Überlegenheit der Unterlegenen: Eine Theorie der Gegengemeinschaften. Frankfurt am Main, Germany: Suhrkamp Verlag.

Middleton, H. & Moncrieff, J. (2019): Critical psychiatry: a brief overview. BJPsych Advances, 25(1), S. 47–54. https://doi.org/10.1192/bja.2018.38

Oliver, M. (2009): Understanding disability: From theory to practice. 2nd ed. London, England: Red Globe Press. https://doi.org/10.1007/978-1-137-05492-0

Sweeney, A. & Beresford, P. (2020): Who gets to study whom: survivor research and peer review processes. Disability & Society, 35(7), S. 1189–1194. https://doi.org/10.1080/09687599.2019.1664062

Wheeler, B., Williams, O., Meakin, B. et al. (2024): Exploring Elinor Ostrom's principles for collaborative group working within a user-led project: lessons from a collaboration between researchers and a user-led organisation. Research Involvement and Engagement, 10, 15. https://doi.org/10.1186/s40900-024-00548-4

Sebastian von Peter

 



P - T

P

Perspektivismus
Perspektivismus bezeichnet in der Erkenntnistheorie die Grundüberzeugung, dass alle uns möglichen Erkenntnisse über die Welt wesentlich vom Standpunkt und den subjektiven Eigenschaften des erkennenden Individuums geprägt sind. Der Grundgedanke reicht bis in die Philosophie des 17. Jahrhundert zurück und findet sich in Immanuel Kants (1724-1804) geistesgeschichtlich fundamentaler Annahme wieder, dass „die Dinge an sich“ nicht unmittelbar der Erkenntnis zugänglich sind. Er wurde weiter radikalisiert u.a. von Friedrich Nietzsche (1844-1900), der davon ausging, dass uns die Welt lediglich in Form unterschiedlicher, zutiefst subjektiv eingefärbter Interpretationen gegeben ist.

Ist es damit Ansichtssache oder individuelle Präferenz, was zwei plus zwei ergibt? Die universelle Gültigkeit mathematisch-logischer Gesetzmäßigkeiten wird in der Regel auch von Perspektivist*innen nicht bezweifelt. Aber spätestens bei der Frage, was denn nun genau „universell“ bedeutet und wie sich eine Gesetzmäßigkeit definiert, wird es kompliziert. Sobald es um Annahmen über die menschliche Lebenswelt und unser Zusammenleben geht, kommt unweigerlich der Perspektivismus ins Spiel. Dies gilt auch für die Wissenschaft, die sich oft perspektivenunabhängig und neutral gebärdet. Zwar mögen korrekt durchgeführte Berechnungen und Statistiken aus mathematischer Sicht ein Höchstmaß an Objektivität erfüllen, jedoch sind Versuchsdesigns und Ergebnisinterpretationen selbst unvermeidlich durch perspektivisches Wissen geprägt. Somit gilt: Wann immer Wissenschaft gesellschaftlich handlungswirksam werden soll, bewegen wir uns nicht mehr auf objektiv-mathematischem Terrain, sondern im Bereich des Perspektivischen.

Anders als oft unterstellt, impliziert Perspektivismus jedoch nicht völlige Beliebigkeit. Im Gegenteil: Da insbesondere metaphysische Letztbegründungen nicht akzeptiert werden, steigt der Anspruch an die Qualität der Argumente, mit der ein perspektivischer Standpunkt vertreten wird. Die Qualität erhöht sich dabei in der Regel in dem Maße, wie Subjekte die Perspektivität ihres eigenen Standpunktes reflektieren, ihre innere Multiperspektivität einbeziehen (z.B. indem sie Urteile fällen aus Sicht der unterschiedlichen Rollen, die ein Mensch innehaben kann) und die Perspektiven anderer Menschen berücksichtigen. Auf diese Weise ist zumindest eine Annäherung an eine Art imperfekte Objektivität möglich, eine „Über-Subjektivität“, die jedoch ohne Absolutheitsanspruch auftritt. Genau diese Art von „Über-Subjektivität“ zu erreichen, kann erkenntnistheoretisch gesprochen ein legitimes und realistisches Ziel kollaborativer Zusammenarbeit darstellen, bei der es explizit um die Inklusion heterogener, wenn nicht gar gegensätzlicher Perspektiven geht. Dabei impliziert der Perspektivismus auch eine Ethik der Bescheidenheit im Umgang mit dem eigenen Wissen, egal aus welchen Quellen es sich speist. Während der Perspektivismus für die kollaborative Forschung somit nach außen einen mächtigen Hebel bietet, um Objektivitätsansprüche etwa der medizinischen Wissenschaft oder der psychiatrischen Disziplin entschieden zurückzuweisen, unterstützt er nach innen eine Kultur des Respekts und des Miteinanders, da man sich der Wirklichkeit nur multiperspektivisch annähern kann.

Die perspektivische Denkweise in der kollaborativen Arbeit zu verinnerlichen, hat für mich persönlich verschiedene Auswirkungen. Mir fällt es dadurch leichter, auch Gedanken zum Ausdruck zu bringen, die nicht unbedingt dem Gruppenkonsens entsprechen, etwa wenn ich aus der Perspektive von Psychiatrie-Mitarbeitenden spreche. Dabei ist dann klar, dass dies nur eine Perspektive von vielen ist, die aber im Interesse der Erzeugung einer „Über-Subjektivität“ dennoch ein Recht darauf hat, artikuliert zu werden. Zugleich fühle ich mich geschützt dadurch offen zu legen, dass ich in solchen Momenten nur aus einer bestimmten Perspektive spreche, die zwar mit mir persönlich zu tun hat, aber nicht die einzige Perspektive ist, die ich in mir trage, weil ich in meinem Leben viel mehr war und bin als ein Psychiatrie-Mitarbeiter.

Darüber hinaus beeinflusst mich die perspektivische Denkweise auch darin, wie ich mit Äußerungen meiner Kolleg*innen in der kollaborativen Arbeit umgehe. Es kommt gerade bei interpretativer Arbeit wie der Auswertung von Interviews relativ häufig vor, dass sich in mir Widerspruch regt. Dies kann beispielsweise der Fall sein, wenn ich Aussagen der Kolleg*innen mit Erfahrungsexpertise als zu generalisierend oder Auslegungen als zu negativ empfinde. Die Rückbesinnung auf die perspektivische Konstitution von Wirklichkeit erleichtert es mir dabei, auch sehr starken und von vielen im Raum geteilten Meinungen durch meinen Widerspruch noch eine zusätzliche Lesart zur Verfügung zu stellen. Dabei geht es mir nicht darum, recht zu behalten, sondern mir reicht die gemeinsame Feststellung völlig aus, dass man den diskutierten Sachverhalt natürlich auch anders sehen kann. Etwas allgemeiner gesprochen und mehr auf die Gesamtgruppe bezogen bedeutet eine perspektivische Denkweise, die zumindest ich stets als eine unserer impliziten Arbeitsgrundlage empfinde, dass sich widersprechende Positionen im Raum stehen bleiben dürfen. Spannungen, deren Auftreten in der kollaborativen Arbeit ja geradezu vorprogrammiert sind, müssen somit nicht unbedingt aufgelöst werden. Und gerade das trägt meiner Erfahrung nach – fast schon paradoxerweise – deutlich zur Entspannung bei, und zwar sowohl von der Gesamtgruppe als auch von mir selbst.

Timo Beeker



Plausibilität

Es soll plausibel sein.
Es soll plausibel gemacht werden.
Glaubwürdigkeit durch Zahlen
So viele haben es gewusst,
So viele haben nichts gewusst.
Wo schon etwas ist, kommt noch was dazu.
Dranhängen
Auf Beifall berechnet
Es erscheint sonst nicht plausibel.
Nur etwas sagen sollen, wenn andere davor schon so etwas gesagt haben
Sagen können sollen, wer dazu schon was gesagt hat
Wegen der Wissenschaft!
Wo ist der Anfang?
Es erscheint plausibel,
nah am gesunden Menschenverstand.
Aber sonst bitte keine Erscheinungen!

Mara Lamprecht



Positionierung

Mit der Aufklärung hatte sich die Wissenschaft von der Kirche, die bestimmte, was wahr ist, emanzipiert und war dennoch oft genug zur Magd des Totalitarismus oder politischer Interessen geworden. Deshalb ist die vermeintliche Objektivität der Wissenschaft im Diskurs als streitbar angekommen.

Bevor ich sogenannte Peerforscherin wurde, war ich Theologin. Eine Wissenschaft, die von ihren Vertretern eine gewisse Positionierung erwartet: Eine Orientierung an den Glaubenssätzen, eine reflektierte Auseinandersetzung mit dem eigenen Glauben, eine Verbundenheit zum Kirchenvolk und zur Tradition. Meine ersten Schritte in der Peerforschung haben mich viele Parallelen zur Theologie sehen lassen. Ein eigenes Erfahrungs-, oft Ohnmachts- und Unrechtserfahrungsspektrum, die nötige Reflexion der persönlichen Bedeutung der Erfahrung und ihrer politischen Konsequenzen und gleichzeitig die Offenheit und Regulation der eigenen Ideen angesichts der Peergroup, der gebündelten Erfahrung anderer Betroffener. Nicht meine Erfahrung allein ist ausschlaggebend, sondern das Bewusstsein um dahinterliegende, viele Menschen betreffende Strukturen. Ich fand das irritierend und faszinierend zugleich. Geht die Wissenschaftstheorie der positionierten Wissenschaft wieder hinter die Aufklärung zurück? Nein. Nicht nur, weil moderne theologische Wissenschaft die Notwendigkeit kritischer Reflexion betont. Eher hier als im Mittelalter trifft sie sich mit der Peerforschung. Sie ist vom Gegenstand, den sie beforscht, selbst betroffen. In der Peerforschung ist es die Erfahrung, dass Hilfe nötig und gewünscht ist, aber strukturelle und auch physische Gewalt erlebt wird. Ich verorte mich in diesem Feld der Ohnmacht. Ich lege meine Positionierung offen wie eine Konfession: Mein Vorgehen, meine Intention, meine Fragestellungen sind von meiner eigenen Erfahrung und der anderer beeinflusst, aber ich muss mich stets bereitfinden, diese zu reflektieren und zu hinterfragen. Sonst ist es keine Wissenschaft.
Ein zweites wesentliches Moment, das sie im besten Sinne mit der Befreiungstheologie teilt, ist die Positionierung fern der Macht, das Sensorium für und die Solidarität (→ Solidarität) mit den Entrechteten und Verstummten. Das ist das Ideal, das es neben der Pragmatik des Seiltanzes zwischen Geldgebern und Machbarkeit immer wieder zu verteidigen gilt. Es gibt keine Freiheit der Wissenschaft, es gibt Druckzonen, die immer wieder ein Besinnen, Aufstehen und Kämpfen nötig machen. Es gibt immer Abhängigkeiten von Förderprogrammen und Moden, und es gibt Anstellungslogiken. Die Stimme des Glaubens an Veränderungen hörbar zu halten, ist oft schwer. Da entscheiden sich Geldgeber nach der Studie für den billigsten und kleinsten gemeinsamen Nenner, statt die große Veränderung und längst nötige Schritte zu wagen. Es braucht die beständige, beharrliche kritische Selbstreflexion und den Enthusiasmus des Anfangs, positioniert zu bleiben.

Daneben gibt es immer wieder Interviewsituationen die deutlich machen, wie privilegiert ich bin. Das fördert Schuld und Scham (→ Schuld und Scham) zutage. Ich kann davon leben, mit Menschen zu sprechen, die kaum überleben können. Einige Zufälle weniger in meinem Leben und ich wäre an ihrer Stelle. Aber mir ist es bewusst, mein professioneller Kollege, dem ich erzählte, wie mich das anfasst, kam dieser Gedanke nicht. Es gibt nicht die starre Grenze zwischen mir und den anderen, es gibt Durchlässigkeiten und emotionale Arbeit (→ emotionale Arbeit) damit.

Daniela Schmidt



Pseudobeteiligung

Pseudobeteiligung ist die vermeintliche Einbeziehung von Menschen in Entscheidungsprozesse, ohne dass sie mitentscheiden dürfen. Die Entscheidungen stehen entweder schon fest oder die Rückmeldungen der Beteiligten werden ignoriert oder selektiv genutzt. Eng verwandt sind die Begriffe Alibi-Beteiligung (= Tokenismus) und Instrumentalisierung. Der erste Begriff beschreibt eine repräsentative, symbolische Beteiligung mit der Folge des Missbrauchs der beteiligten Menschen als „Aushängeschild“ (= token), weil sie strukturell keinen Einfluss nehmen können. Instrumentalisierung liegt vor, wenn Beteiligungsformate genutzt werden, um eigene Interessen durchzusetzen, bzw. zu legitimieren. Instrumentalisierung kann als Motivation hinter Pseudobeteiligung und Tokenismus verstanden werden.

In allen drei Fällen ist „Beteiligung“ mit keiner oder kaum Entscheidungsmacht der Beteiligten verbunden. Den Beteiligenden geht es also darum, ihre Macht zu erhalten, anstatt sie zu teilen. Der Status quo soll bewahrt und Veränderungen sollen vermieden werden. Beteiligung geschieht zum eigenen Vorteil und nicht zum Wohl von anderen. Hintergrund dafür sind oft formale Anforderungen, die erfüllt werden müssen, wie z.B. Beteiligung als Voraussetzung für das Stellen eines Drittmittelantrags. Solche Forderungen können Beteiligung zu einer oberflächlichen Geste machen, ausgewiesen, um den Anschein von Diversität, Inklusion oder Partizipation zu erwecken, aber mit der Wirkung der Untermauerung der eigenen Agenda. Aus diesem Grund sind Pseudobeteiligung, Alibi-Beteiligung und Instrumentalisierung eine Form der epistemischen Gewalt.
Für davon Betroffene können Pseudobeteiligung, Instrumentalisierung und Tokenismus stark belastend sein (Carr, 2019; Rose, 2019; Rose, 2023; Russo, 2018). Menschen merken schnell, wenn sie nicht gehört werden oder nicht entscheiden können. Einige fühlen sich dadurch in stereotype Rollen gedrängt, bspw. in die Rolle der „Vorzeige-Betroffenen“, andere beschreiben ein Gefühl der Entmenschlichung. Sie spüren, wenn sie auf ihr Erfahrungswissen reduziert werden und es jenseits dessen kein Interesse für ihre vielen anderen Wissens- und Identitätsanteile gibt. Und sie bemerken es, wenn ihr Erfahrungswissen zur Ware wird, die genutzt, aber auch schnell wieder verworfen werden kann, wenn es nicht mehr gebraucht wird.

Ein Teil dieser belastenden Erfahrungen von Betroffenen bezieht sich auf das Geschichtenerzählen: das Erzählen der eigenen Krisen- oder Genesungsgeschichten wird auf Kongressen, in Büchern und auch in der Forschung oft als Gegenentwurf zur De-Humanisierung von Betroffenen und zum Silencing ihrer Stimmen (→ Silencing) dargestellt. Das Erzählte und das Erzählen von Geschichten können aber ebenfalls zu einer Ware werden. Geschichten können gestohlen und für andere Ziele vereinnahmt werden (→ Vereinnahmung). Wie oft habe ich schon erlebt, dass eine betroffene Person auf einem Kongress ihre Geschichte erzählt, ohne dass daraus überhaupt etwas erwächst. Begriffe wie „disability tourism” (Grey, 2016) oder (Trigger Warnung!) “patient porn” (Costa et al., 2012) machen deutlich, wie dieses Ausbleiben von jeglicher Veränderung von Betroffenen erlebt werden kann. Wer profitiert vom Erzählen einer Geschichte?

In Großbritannien, wo schon deutlich länger kollaborativ geforscht wird, gab es bereits alarmierende Rückmeldungen zum Thema Pseudo- und Alibi-Beteiligung: „… nach Ablauf von 20 Jahren funktioniert PPI [= Patient and Public Involvement] vor allem als ein tokenistisches, kompetitives Instrument, das Patient*innen und Nutzer*innen als Ausführende des industriellen Psy-Forschungskomplex positioniert“ (Carr 2019). Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Pseudobeteiligung zu einem gewissen Grad kaum zu vermeiden ist. Wir haben verschiedene Fälle aufgearbeitet (Beeker et al., 2021; Glück & von Peter, 2023; Ziegenhagen et al., 2025), die zeigen, wie schnell es dazu kommen kann, dass Entscheidungen von Teammitgliedern, bei uns immer mit Psychiatrie-Erfahrungen, keine Umsetzung erfahren haben, trotz einer sorgsamen Planung und Ausgestaltung unserer Zusammenarbeit. Wozu sich dann überhaupt einbringen?

Manchmal lässt sich Pseudobeteiligung leicht entlarven, oft verbirgt sie sich in den verwickelten, alltäglich-verstrickten Prozessen der kollaborativen Zusammenarbeit und lässt sich dann erst im Nachhinein feststellen. Das ist frustrierend. Frustrierend ist auch, dass Pseudobeteiligung gar nicht nur in unseren eigenen Händen liegt. Forschung im akademischen Kontext richtet Wissen zu, schreibt ihm eine (wissenschaftliche) Agenda ein und verändert es dadurch manchmal bis zur Unkenntlichkeit. Einer der Hintergründe dafür ist der Verwertungsdruck in der akademischen Wissensproduktion, der in der Tendenz immer zur Kommodifizierung und Domestizierung von Wissen führt, und zwar aller Wissensformen und nicht nur von Erfahrungswissen. Ein geschätzter Kollege beschreibt hier Gefahren einer „parasitären Position“ (AIAS, 2026) akademisch Forschender, also die Ausbeutung von Wissen zum eigenen Vorteil.

Was ist zu tun? Wir können in der kollaborativen Forschung wachsam bleiben und uns kritisch mit den Prozessen und Effekten unserer eigenen Arbeit beschäftigen (→ Kritik). Wirksame Entscheidungsmacht ist auf einen potenziell wirkungsvollen Proporz angewiesen: in unserem Co-Lab arbeiten im Schnitt sechs bis zehn Forschende mit und zwei bis vier ohne Psychiatrie-Erfahrungen zusammen, und trotzdem fallen Entscheidungen häufig zu Ungunsten der ersten Gruppe aus – häufig aufgrund eines Ungleichgewichts an Ressourcen. Immerhin äußern Mitglieder der zweiten Gruppe immer wieder, dass sie das Gefühl haben, sie seien in den kollaborativen Projekten fehl am Platz, ihr Wissen zähle dort nichts, bzw. sei nicht ausreichend, um wirklich beizutragen – was ich als positives Zeichen für ein potenziell ausgewogenes Kräfteverhältnis lese. Wir brauchen dringend weitere Strategien und Techniken, und deutlich mehr Ressourcen als in der regulären Forschung oft üblich, um kollaborative und partizipative Entscheidungsprozesse wirksam auszugestalten.

Beeker, T., Glück, R. K., Ziegenhagen, J., Göppert, L., Jänchen, P., Krispin, H., Schwarz, J. & von Peter, S. (2021): Designed to clash? Reflecting on the practical, personal, and structural challenges of collaborative research in psychiatry. Frontiers in Psychiatry, 12, 701312. https://doi.org/10.3389/fpsyt.2021.701312

Carr, S. (2019): ‘I am not your nutter’: A personal reflection on commodification and comradeship in service user and survivor research. Disability & Society, 34(7–8), S. 1140–1153. https://doi.org/10.1080/09687599.2019.1608424

Costa, L., Voronka, J., Landry, D., Reid, J., McFarlane, B., Reville, D. & Church, K. (2012): “Recovering our stories”: A small act of resistance. Studies in Social Justice, 6(1), S. 85–101.

Grey, F. (2016): Benevolent othering: Speaking positively about mental health service users. Philosophy, Psychiatry, & Psychology, 23(3–4), S. 241–251. https://doi.org/10.1353/ppp.2016.0025

Glück, R.K. & von Peter, S. (2023). Lost in Collaboration. Verfügbar: https://psychiatrie-verlag.de/product/rosakate-glueck-von-peter-s-lost-in-collaboration-gratisartikel-aus-si-1-2023 (Zugang: 19. März 2026).

Aarhus Institut of Advanced Studies (AIAS). In the spirit of friendship: Interdisciplinary perspectives on friendship (2026) Aarhus University. Verfügbar: https://aias.au.dk/events/show/artikel/in-the-spirit-of-friendship-interdisciplinary-perspectives-on-friendship (Zugang: 19. März 2026).

Rose, D. (2018): Participatory research: Real or imagined. Social Psychiatry and Psychiatric Epidemiology, 53(8), S. 765–771. https://doi.org/10.1007/s00127-018-1549-3

Rose, D. (2019): Participatory research and power. Integration and Implementation Insights.

Russo, J. (2023): Psychiatrization, assertions of epistemic justice, and the question of agency. Frontiers in Sociology. https://doi.org/10.3389/fsoc.2023.1092298

Ziegenhagen, J., Krämer, U. M., Fehler, G., Perez, G. R., Schmidt, D., Cubellis, L., Küsel, M. & von Peter, S. (2025): Difference and subordination – the epistemic struggles of collaborative knowledge production in the field of mental health. Research

Involvement and Engagement, 11(1), 46. https://doi.org/10.1186/s40900-025-00720-4

Sebastian von Peter


R

Risiken und Ressourcen „Ich werde hier noch wahnsinnig!“

Psychische Probleme werden durch Belastung ausgelöst. Es gibt auch Trauma. Das beeinflusst ein Leben, nachhaltig. Und was für Anstrengungen sind nötig, um das zu bewältigen! Menschen, die als Selbst-Erfahrene forschen, betrifft so etwas auch. Besonders, wenn es um Psychiatrie-Themen geht, kann das schwierig werden. Bestimmte Themen, Ergebnisse, Debatten während der Arbeit können dazu führen, dass alte Wunden aufgerissen werden. Immer wieder. Besonders wenn das Forschungsthema mit einer folgenreichen persönlichen Erfahrung in Verbindung steht. Manchmal reicht ein Wort im Gespräch, ein Satz in einem Text, eine Kontroverse. Es kann passieren, dass eine Arbeit abgebrochen werden muss, ein Gespräch beendet. Ein Mensch braucht dann Zeit, um die Situation auszuhalten, das Geschehen zu bewältigen und sich zu regenerieren. Damit diese Prozesse geschehen können, sind Ressourcen nötig. Der Auftraggeber der Forschung muss sie zur Verfügung stellen! Entlastung, Gespräche: so etwas was kann helfen. Dafür braucht man Zeit! Termindruck, zu wenig Gelegenheit, sich auszutauschen, fehlende Rücksicht oder Solidarität in einem Forschungs-Team können zusätzlich belasten. Es kann auch passieren, dass eine Person, obwohl sie belastet ist, über ihre Grenzen gehen muss, um eine Arbeit zu schaffen. Daraus können sich ernste Krisen entwickeln! Dann wird die Arbeit zur Gefahr: für die Gesundheit, für die Sicherheit und vielleicht sogar für das Leben. Wenn es nicht möglich ist, eine Arbeitssituation zu schaffen, in der Belastungen kompensiert werden, stellt sich die Frage, wie angemessen es ist, wenn die in der Zusammenarbeit generierten Ergebnisse genutzt, verwertet, zur Verfügung gestellt werden, während Risiken im Privaten, bei den Betroffenen verbleiben. Bei Menschen, die ohne diese Arbeit womöglich erheblich weniger belastet durch ihr Leben gehen würden.

Jenny Ziegenhagen


S

Scheitern „Was mache ich hier eigentlich?“

Wir haben uns getroffen, geredet, um zu verstehen. Morgens wachgelegen, um Fragen zu finden, auf die es nie eine Antwort geben würde. Aber das haben wir erst viel später erkannt. Es war wirklich kompliziert und verwirrend, und es hat lange gedauert zu verstehen, wer hier wen an der Nase herumzuführen versucht. Natürlich in bester Absicht. Alles wurde gedreht und gewendet. X mal. Dann: „SCHNIPP“ - Alles weg. Wir fangen noch mal von vorne an. …

Wir sitzen in der Runde, starren auf einen Bildschirm. Ein Diagramm. Zwei Achsen und in dem Raum dazwischen Punkte. Manche größer, manche kleiner. Da hat irgendwas mit irgendwas zu tun. Mit unseren Ergebnissen wurde weitergemacht. Etwas ausgerechnet. Eine Erklärung: was das ist und was das heißt? Und wie das kam? Wir waren ja nicht wirklich dabei. Auch was das soll, lässt sich nur nebelhaft erahnen. Jetzt stehen unsere Namen unter einem Artikel. …

Es gibt dieses Schlimmste. Das, worüber keiner sprechen will. Oder nicht mehr aufhören kann mit dem Sprechen, wenn es einmal beginnt. Etwas, was passieren kann, wenn man in einem psychiatrischen Krankenhaus ist. „Das ist doch wichtig!“, sagen wir, „dass das auch gesehen wird!“. „Unbedingt!“ Wir sammeln es auf. Wir fragen nach. Das reicht nicht aus. Es fällt weg. Wird beseitigt. „Schade“, denke ich erst. Dann „Was mache ich hier eigentlich?“…

Wir haben etwas entdeckt! Sehen einen Zusammenhang. Da hat anscheinend noch keiner so richtig hingeguckt. Das ist doch wichtig! Wir wollen darüber reden. Mit unserem Team. Das Gespräch wird verschoben. Die Arbeit muss weitergehen! „Wir müssen das aber beachten“, denken wir, „sonst läuft es doch falsch!“ Das Gespräch wird verschoben. Wenn keiner reden will, schreiben wir einen Brief. Wir werden vertröstet. Fragen nach. Werden vertröstet. Dann antwortet niemand mehr. Das Team wird geteilt. Die Leute mit der unbeantworteten Frage in die eine Ecke, die anderen in die andere. Die anderen schreiben einen Artikel, so einen, der passt - in die Liste der Publikationen. Vertauscht darin, verdreht, unkenntlich: unsere Ergebnisse. „Was mache ich hier eigentlich?“…

Wir sind ein Team. Wir ackern gemeinsam. Irgendwas scheint nicht in Ordnung zu sein. Plötzlich steigt jemand aus. Einige machen die Arbeit allein. Allein weiter machen wir, trotz des ganzen Drecks, der dabei an unseren Händen kleben bleibt. Wir halten das aus. Ganz am Ende: jemand schreibt seine Sätze in unseren Text. Wir sind kein Team. Wir haben nie erfahren, was da nicht gepasst hat. „Egal“, denke ich und dann wieder: „Was mache ich hier eigentlich?“…

Ich schreibe Text, so wie die anderen es sich überlegt haben. Genau nach ihren Vorgaben. Das kostet mich was. Nach Wochen, sagt jemand: „Ich will das anders haben.“ Jetzt bin ich raus. „Was mache ich hier eigentlich?“ …

Ich schreibe einen Text für eine Art Glossar: „Scheitern“. Wieder so ein Versuch …

Jenny Ziegenhagen

 

Solidarität

Solidarität,
ohne geht es nicht.
Solidarität mit und zwischen den Betroffenen der Psychiatrie und Krisenerfahrenen.
Solidarität als Brücke von und zu den Nichtbetroffenen.
Solidarität als etwas, das größer ist als wir.
Solidarität als unmittelbare Verbindung.
Solidarität als Erinnerung daran, dass wir mehr gemeinsam haben, als uns trennt.
Solidarität als etwas Magisches, das sich der Verwertungslogik entzieht.
Solidarität als ein inneres Blumenpflücken.
Solidarität als gelebte Utopie.
Solidarität als Antwort auf Vereinzelung
Einzige Bedingung: Du musst sie wirklich einladen; das bedeutet auch Verzicht, Sich-zurücknehmen und Nachgeben zu lernen. Das kann schmerzen, endet aber nicht allzu selten in Genügsamkeit. Solidarität und Genügsamkeit treffen sich nämlich regelmäßig zu Kaffee/Kakao und Kuchen.
Let’s take care of each other so we can be dangerous together.
Lasst uns aufeinander aufpassen damit wir zusammen wehrhaft sein können.

rosa* Kato Glück

Soziale Erwünschtheit

Ich will nicht, dass der andere sozial erwünscht antwortet.
Ich will nicht, dass der andere mir antwortet, wie ich es mir wünsche.
>Ich will also doch, dass er mir antwortet, wie ich es will.

Ich will nicht, dass der andere antwortet, wie er es wegen mir so macht.
Ich will, dass der andere antwortet, wie er es wegen sich so macht.
               >Ich will aber, dass der andere mir antwortet.

Ich soll keinen Einfluss nehmen.
Ich soll keinen Einfluss haben.
             >Das geht so nicht.


Mara Lamprecht


T

Trauma: (altgriechisch: Wunde/Verletzung),

Triggert unerwartet
Reizüberflutet Funktionieren
Alleinsein im Schmerz
Unheimlich vereinnahmend
Macht ohnmächtig
Angst vor Wiederholung

Verwundet, aber immer noch da.

rosa* Kato Glück

U - Z

V

Vulnerabilität
Vulnerabilität beschreibt einen (sozialen) Zustand einer Person und ist dabei relational (also in einem Verhältnis zu etwas/ jemand anderem) zu verstehen, denn „Vulnerabilität gibt es nicht an sich” (Dederich & Zirfas 2022: 4). Ich bin zum Beispiel vulnerabel als Verrückte, Queere, Trans*Person. An sich tut mir das nicht weh, aber im Kontakt mit anderen Menschen macht mich das verletzlich.

Vulnerabilität ist dabei geprägt durch eine bemerkenswerte Widersprüchlichkeit: Sie beschreibt einerseits eine universelle menschliche Eigenschaft und wird zugleich sehr unterschiedlich erfahren und ist höchst ungleich verteilt, wie Alyson Cole in dem Buch „All of Us Are Vulnerable, But Some Are More Vulnerable than Others“ [Wir alle sind verletzlich, aber manche sind verletzlicher als andere] (2016) analysiert. Vulnerabilität (ent-)steht in einem kulturellen, geschichtlichen und gesellschaftlichen Zusammenhang (Dederich & Zirfas 2022) und bedeutet für einzelne Individuen ein höheres Risiko Benachteiligung, Diskriminierung und Gewalt ausgesetzt zu sein. Vulnerabilität bezeichnet das Potenzial des Einzelnen, verletzt werden zu können. Wenn wir kollaborativ forschen, gehen die Verrückten Forscher*innen ein höheres Risiko ein, verletzt zu werden. Die Vulnerabilität wird durch unsere Beschäftigung mit Themen wie Pathologisierung, Entmündigung und anderen Formen von psychiatrischem Zwang und Gewalt noch verstärkt.

Neben diesem gesteigerten Risiko sehen einige Theoretiker*innen wie Butler in Verletzlichkeit auch einen Ort des Erkenntnisgewinns, einen „epistemological frame“ [erkenntnistheoretischen Rahmen] (Butler 2009: 1). Im englischsprachigen Diskurs werden bereits seit einiger Zeit (auch im Rahmen der Vulnerability Studies) Debatten um Agency (Handlungsmacht/-möglichkeiten), Identität und Unterdrückung geführt. Um die Machtverhältnisse um Vulnerabilität umfänglicher analysieren zu können, bedarf es einer Hinwendung zum Moment der Fragilität (→ „Fragilität“) und somit einer Reflexion von Privilegien.

Die Auseinandersetzung mit Privilegien bildet die Grundlage für eine machtkritische und verantwortungsbewusste Zusammenarbeit. Jede Person wird innerhalb unserer Gesellschaftsordnung in unterschiedliche Merkmale wie Geschlecht, Klasse oder Behinderung (und so einige mehr) eingeteilt und je nach Position bekommt sie mehr oder weniger Macht. Die Beschäftigung mit diesen komplexen Verhältnissen ist aufwendig und auch manchmal schmerzhaft, doch sie ebnet auch den Weg zu Empowerment, also einer Selbstbestimmung und Ermächtigung sowie einer potentiellen Verbündetenschaft (→ Allyship).

Verletzlichsein bedeutet, aufeinander angewiesen sein, wie Butler erläutert: „[…] this condition of primary vulnerability of being given over to the touch of the other“ [dieser Zustand fundamentaler Verletzlichkeit, der Berührung eines Anderen ausgeliefert zu sein ](Butler 2004: 24).  Damit wir uns möglichst sicher fühlen können, wenn wir uns vulnerabel zeigen, braucht es Raum für Austausch und Reflektion aber auch Offenheit für Kritik und Bedürfnisse.  Vulnerabel sein ist keine Schwäche, sondern eine Chance und ein Ort, an dem wir uns zärtlich begegnen können sollten.

Butler, Judith (2004): Undoing Gender. New York, London: Routledge.

Butler, Judith (2009): Frames of War: When Is Life Grievable? London: Verso.

Cole, Alyson (2016): All of Us Are Vulnerable, But Some Are More Vulnerable than Others: The Political Ambiguity of Vulnerability Studies, an Ambivalent Critique. In: Critical Horizons, 17(2), 260–277. https://doi.org/10.1080/14409917.2016.1153896

Dederich, Markus; Zirfas, Jörg (2022): Glossar der Vulnerabilität. Wiesbaden: Springer VS.

Polychroniou, Ariadni (2022): Towards a Radical Feminist Resignification of Vulnerability: A Critical Juxtaposition of Judith Butler’s Post-Structuralist Philosophy and Martha Fineman’s Legal Theory. In: Redescriptions: Political Thought, Conceptual History and Feminist Theory 25(2), 113–136. DOI: https://doi. org/10.33134/rds.379 

rosa* Kato Glück


Autor*innen

rosa* Kato Glück arbeitet seit acht Jahren in unterschiedlichen Forschungsprojekten zu Themen der Versorgungsforschung und zu Sanismus an der MHB. They hat selbst Verrücktheits-/Psychiatrieerfahrungen und eine genreübergreifende Zuneigung für Sprache und Kommunikation.

Sebastian von Peter ist immer wieder darüber erstaunt, wie treffend das Wissen und die Perspektiven von Menschen, die als Patient*innen in der Psychiatrie waren, die Zustände dort erfassen. Im Laufe seiner Zeit als Wissenschaftler hat er festgestellt, dass Erkenntnisse über die Psychiatrie nur durch Rückgriff auf psychiatrisch-medizinisches Wissen zu kurz greifen. Obgleich Sebastian auch in der Psychiatrie arbeitet, ist er sich manchmal unsicher, ob diese Institution noch zu retten ist.  

Jenny Ziegenhagen ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der MHB und möchte, dass das Wissen von Menschen, die medizinische Behandlung erhalten, genutzt werden kann, dass deren Rechte geschützt und ihre Bedürfnisse erfüllt werden. Sie vertritt die Position einer Betroffenen und bringt Erfahrungswissen ein.

Mara Lamprecht heißt eigentlich anders und arbeitet seit 2017 in der psychiatrischen Versorgungsforschung an der MHB als Peer, also mit der Erfahrung als Patientin in der Psychiatrie gewesen zu sein. Sie sieht die Funktion der Psychiatrie innerhalb der Gesellschaft oft als Widerspruch zu ihren Bemühungen, darin etwas für andere Betroffene zum Positiven zu verändern.  

Timo Beeker ist ein Psychiater, der parallel zu seiner Tätigkeit in einem Zuhausebehandlungs-Team seit vielen Jahren psychiatriekritisch forscht. Neben der partizipativ-kollaborativen Arbeit liegt ihm insbesondere die Erforschung der Ausdehnungstendenzen der Psychiatrie am Herzen und was einer solchen Psychiatrisierung der Gesellschaft entgegengesetzt werden kann.

Daniela Schmidt ist seit 1999 psychiatrieerfahren und war seither in verschiedenen Forschungspositionen als Theologin und Germanistin inkognito mit dieser Erfahrung unterwegs. In ihrer Freizeit war sie im Psychoseseminar Potsdam aktiv. Seit 2020 ist sie als Peer-Forscherin an der MHB tätig. Was vorher beruflich verborgen war, ist nun Bedingung ihrer Tätigkeit.

Guillermo Ruiz-Pérez arbeitet seit 2020 in kollaborativ-partizipativen Projekten an der MHB. Seine Arbeit zielt darauf ab, eine Form von Psychiatrie zu gestalten, in der Verantwortung nicht delegiert oder paternalistisch übernommen, sondern von allen Beteiligten getragen wird. Im Zentrum steht das Bestreben, entmündigende und bevormundende Strukturen zu überwinden und stattdessen Räume zu schaffen, in denen Autonomie, Mitbestimmung und geteilte Entscheidungsprozesse möglich sind.

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