Psychotherapie
MHB-Studierende setzen ein Zeichen: Studiert. Bestanden. Blockiert!
Neuruppin, 22. Mai 2026
Etwa 100 Studierende der Medizinischen Hochschule Brandenburg Theodor Fontane (MHB) und Unterstützerinnen gingen am Mittwoch, 20. Mai, unter dem Motto „Psychotherapie sichern – Weiterbildung finanzieren!“ auf die Straße. Anlass der Demonstration ist die weiterhin ungeklärte Finanzierung der psychotherapeutischen Weiterbildung. Nach der Reform des Psychotherapeutengesetzes von 2019 fehlt nach wie vor eine verlässliche Finanzierung. Dadurch entstehen erhebliche Unsicherheiten für den psychotherapeutischen Nachwuchs, und langfristig drohen Versorgungslücken für Patient*innen. Zudem kritisieren die angehenden Psychotherapeut*innen die seit dem 1. April 2026 bestehenden Honorarkürzungen für Therapeutinnen mit Kassensitz, die die angespannte Lage im Gesundheitswesen weiter verschärfen.
„Wir stehen hier an einem ziemlich besonderen Ort, diese kleine Stadt im Osten Deutschlands ist. Denn hier an dieser Stelle haben wir zuerst uns Gedanken darüber gemacht, dass wir einsteigen wollen in dieses neue System, dass wir hier in dieser Kleinstadt in Ostdeutschland als allererste Universität Psychotherapeut*innen nach dem neuen System ausbilden wollen“, sagte Prof. Thomas Stamm, Prodekan Studium und Lehre an der MHB. „Wir sind immer noch sehr stolz darauf und gleichzeitig stehen wir jetzt ein bisschen bedröppelt da. Denn seit 2022 haben wir Absolventinnen und Absolventen der MHB in eine berufliche Zukunft gestickt, die weiter unklar bleibt. Und an dieser Stelle möchte ich ganz klar und ganz deutlich sagen: Das ist ein unerträglicher Zustand. Und wir wollen auch hier von dieser kleinen Stadt in Ostdeutschland ganz deutliches und lautes Signal ausgeben. Wir sind hier mit ihnen zusammen in Vorleistung gegangen und wir fordern von der Politik, dass sie endlich die Antworten liefert, die schon lange überfällig sind“, so Prof. Stamm.
Studentin Nadine Schworck hat im Sommer 2024 ihr Psychologie-Studium an der MHB aufgenommen. Da sie beruflich verhindert war, trug Demo-Mitorganisatorin und Mitglied der Fachschaft Psychologie, Laurence Löffler, ihren Redebeitrag vor: „Ich habe die noch fehlenden Regelungen und die Risiken gesehen, kalkuliert und trotzdem gesagt ich studiere Psychologie und dann den Klinischen Master. Die Reform ist 2020 in Kraft getreten. Das Problem daran. Ich habe mit einer Politik gerechnet, die Versprechen einhält. Die Reform ist jetzt sechs Jahre alt. Die Finanzierungsfrage ist so offen wie am ersten Tag. Heute kurz vor der Entscheidung, ob ich den Master in Klinischer Psychologie anfange, stelle ich mir Fragen, die sich Studierende in diesem Land nicht stellen sollten. Gibt es in den nächsten Jahren Weiterbildungsplätze? Wie radikal wird bis dahin am Gesundheitssystem gespart? Und ganz ehrlich: Will ich das eigentlich noch?“
„Unser Berufsmotto lautet: Studiert. Bestanden. Blockiert!“, hieß es in ihrem Beitrag. Sie zog einen Vergleich zum Medizinstudium: „Stellt euch vor, ihr studiert Medizin zehn Semester mit Staatsexamen, alles durchgezogen. Ihr habt geschuftet, habt Nächte mit Büchern verbracht, habt Prüfungen bestanden, die euch an eure Grenzen gebracht haben und dann nach der letzten Prüfung sagt euch der Staat: Toll. Herzlichen Glückwunsch! Aber Fachausbildungen? Da haben wir die Finanzierung leider nicht geregelt. Viel Erfolg - toi, toi, toi!“
Sie betonte weiter: „Es gibt keine Fachärzte, keine Chirurgen in Ausbildung, keine Kinderärzte, keine Internisten – einfach fertige Ärzte, die nicht weiterarbeiten können, die warten. Genau das passiert uns seit sechs Jahren und nichts passiert. Jedes Jahr kommen rund 2.500 fertige, ausgebildete, ausprobierte Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten aus den Universitäten dieses Landes. Es sind Menschen, die gelernt haben, wie man Menschen in Krisen begleitet, die wissen, wie ein Trauma aussieht. Die gelernt haben, wie man zuhört, wenn jemand nicht mehr kann. Und sie können nicht arbeiten.“
Schworck machte außerdem deutlich, dass sie aufgrund der politischen Entwicklungen Angst habe, dass der Sozialstaat weiter ausgehöhlt werde: „Stück für Stück, Kürzung für Kürzung – das irgendwann jemand regiert, der entscheidet, wer in diesem Land behandlungswürdig ist der Gesundheit verteilt wie ein Privileg. Liebe Bundesregierung, liebe demokratische Parteien, bei all den globalen Krisen, die es gibt, bitte ich sie, eines nicht zu vergessen. Erschöpfte Menschen brauchen keine politischen Debatten über ihren Wert. Sie brauchen Hilfe. Menschen in Krisen brauchen Versorgung verlässlich rechtzeitig für alle. Ein demokratischer Sozialstaat wird genau daran gemessen, wie er mit Menschen umgeht, die Hilfe brauchen. Darum stehen wir hier für Weiterbildungen für Versorgung für ein Land, das Menschen nicht aufgibt.“
Unterstützt wurde die Demo und das Anliegen der Studierenden weiterhin mit Redebeiträgen von Dr. Stefan Roßbach-Kurschat, stellvertretender Vorsitzender des Vorstandes der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg, von MHB-Absolvent Philip Kühntopp sowie von Christoph Bosse, Vorstandsmitglied der Ostdeutschen Psychotherapeutenkammer.
Die Demonstration fand im Rahmen des bundesweiten Aktionsmonats zur Finanzierung der psychotherapeutischen Weiterbildung sowie in Kooperation mit der PsyFaKo und dem PTW-Forum statt.
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