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Soziale Teilhabe älterer Menschen in ländlichen Regionen
Brandenburg an der Havel, 25. Juli 2025
Die soziale Integration älterer Menschen gilt als wichtiger Faktor für ihre Gesundheit und Lebenszufriedenheit. In ländlichen, strukturschwachen und schnell alternden Regionen zeigt sich jedoch oft eine geringere soziale Teilhabe. Ein aktueller Forschungsbericht der Medizinischen Hochschule Brandenburg Theodor Fontane (MHB) beleuchtet die Situation anhand einer in der brandenburgischen Uckermark durchgeführten Studie und identifiziert Chancen, Herausforderungen und Handlungsoptionen für die soziale Beteiligung älterer Menschen.
„Unsere Ergebnisse zeigen deutlich, dass innovative Konzepte und gezielte Fördermaßnahmen notwendig sind, um die gesellschaftliche Teilhabe älterer Menschen langfristig zu gewährleisten“, betont die Erstautorin des Artikels Anke Desch. „Dazu gehören unter anderem bedarfsgerechte Mobilitätsangebote, die Förderung lokaler Initiativen sowie verstärkte Gesundheitsprävention für ältere Menschen.“
Die Forscher*innen kombinierten in ihrer Studie eine Kartierung von 594 sozialer Vereine im gesamten Landkreis mit Experteninterviews, etwa mit ehrenamtlichen und hauptamtlichen Mitarbeitenden von Seniorenclubs, sozialen Verbänden und Initiativen. „Über 60 Prozent aller Gemeinden haben mindestens einen Verein, der älteren Menschen Angebote zur Teilhabe macht“, fasst Studienleiterin Anke Desch zusammen. Aber: „Die reine Anzahl der Angebote reicht nicht aus, wenn gesundheitliche Einschränkungen, fehlende Infrastruktur oder sozialer Rückzug dem entgegenstehen.“
Hauptbarrieren für soziale Teilhabe älterer Menschen sind:
- Gesundheitliche Probleme: Krankheiten, eingeschränkte Mobilität und Arztbesuche erschweren die Teilnahme an Gruppenangeboten. Ein erfahrener ehrenamtlicher Mitarbeiter berichtet: „Die meisten über 80-Jährigen haben gesundheitliche Probleme wie Demenz oder Inkontinenz, die Teilnahme wird so erschwert.“
- Armut: Besonders Pensionen aus landwirtschaftlicher Arbeit sind niedrig, vor allem ältere Frauen sind betroffen. Viele wissen nicht, dass sie finanzielle Unterstützung beantragen können, schämen sich oder lehnen dies aus Stolz ab.
- Fehlende Infrastruktur: Öffentliche Verkehrsmittel sind in der ländlichen Region oft kaum verfügbar, die Fahrten zu Veranstaltungen sind teuer oder nicht realisierbar. Auch Treffpunkte schrumpfen: „Früher gab es eine kleine Bäckerei, in der sich viele ältere Menschen trafen“, erzählt eine Interviewpartnerin, „heute fehlt so ein Ort weitestgehend.“
- Schwierige Ansprache: Viele Ältere nutzen keine digitalen Medien, Infoveranstaltungen erreichen sie nur schwer, Adresslisten dürfen aus Datenschutzgründen nicht genutzt werden. Die Folge: Isolation bleibt häufig unentdeckt.
- Mangelnde Motivation und kulturelle Unterschiede: Mancher ältere Mensch fühlt sich nicht angesprochen oder empfindet Vereinsleben als zu formal und verpflichtend. Zudem beeinflusst die regionale Mentalität – in der Uckermark zum Beispiel eine gewisse „Beharrlichkeit“ und Zurückhaltung – die Bereitschaft zur Teilnahme.
- Gruppendynamik und Konflikte: Vertraute Cliquen dominieren oft bestehende Angebote, Neuzugänge treffen auf Skepsis. Intergenerationelle Angebote werden aufgrund unterschiedlicher Interessen oder Werte oft kaum angenommen.
- Nachhaltigkeitsprobleme: Viele ehrenamtliche Gruppen schrumpfen, weil junge Mitglieder fehlen oder der Aufwand zu groß ist. Die Corona-Pandemie hat diesen Trend zusätzlich beschleunigt.
Empfehlungen der Studie:
Die Expert*innen schlagen vor, die soziale Teilhabe der älteren Bevölkerung stärker in politischen Entscheidungen zu verankern und langfristig finanziell sowie personell zu fördern. „Politische Verantwortung ist unverzichtbar, wenn wir lebenswerte ländliche Räume für alle Generationen erhalten wollen“, betont der Leiter eines sozialen Verbands.
Darüber hinaus seien bessere Vernetzung und Zusammenarbeit zwischen Vereinen, Verwaltung und Bürgerinitiativen gefragt, um Ressourcen effizienter zu nutzen und neue Angebote zu schaffen. Innovative Projekte wie „Bürgerautos“ als Ergänzung zum öffentlichen Nahverkehr zeigen den Weg.
Schließlich sollte das Angebot an sozialen Aktivitäten stärker auf die Bedürfnisse und Wünsche der älteren Menschen zugeschnitten sein. „Es braucht vielfältige, niedrigschwellige Möglichkeiten – von kleinen, lokalen Treffpunkten bis zu neuen Formen der Teilhabe, die auf die unterschiedlichen Lebensstile eingehen“, sagt eine engagierte ehrenamtliche Seniorin.
Fazit
Die Studie unterstreicht, dass soziale Teilhabe älterer Menschen in ländlichen Regionen wie der Uckermark einerseits durch strukturelle Faktoren wie Gesundheit, Finanzen und Infrastruktur begrenzt wird, andererseits aber auch durch dynamische Einflüsse wie lokale Kultur, individuelle Vorlieben und gesellschaftliche Veränderungen geprägt ist. Die Autor*innen appellieren an Politik, Gesellschaft und lokale Akteure, gemeinsam Lösungen zu entwickeln, die den demografischen Wandel aktiv gestalten und älteren Menschen mehr gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen.
Projektteam und Unterstützung
Das Projekt wurde von Dr. Philipp Jaehn und Dr. Andreas Bergholz entwickelt und supervidiert und von der Doktorandin Anke Desch durchgeführt. Unterstützt haben die Arbeiten Niklas Demmerer, Dr. Sylvia Euler und Prof. Dr. Christine Holmberg. Die Studie wurde durch die Fakultät für Gesundheitswissenschaften der MHB gefördert. Besonderer Dank gilt den zahlreichen Interviewpartner*innen, die ihre persönlichen Erfahrungen und Einsichten mit dem Forschungsteam teilten.
Die Studie „Opportunities, challenges, and future directions for the public social participation of older adults living in a rural region in Germany“ von Anke Desch et al. ist im Journal of Rural Studies (2025) veröffentlicht und kann hier eingesehen werden.
Für Rückfragen und Interviewanfragen wenden Sie sich bitte an:
M.A. Anke Desch
Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie
Medizinische Hochschule Brandenburg Theodor Fontane
E-Mail: anke.desch@mhb-fontane.de