Lebensrettende Expertise
MHB-Studierende entschlüsseln Komplexität von Schussverletzungen
Neuruppin, 09. Juli 2025
Christoph Buchholtz (35) und Dennis Lander (32), beide studieren im 5. Fachsemester Medizin an der MHB, haben einen spannenden Artikel im Fachmagazin „Rettungsdienst“ veröffentlicht. Unter dem Titel „Schussverletzungen: Wundballistik und Verwundetenversorgung fallspezifisch erklärt“ widmen sie sich einem Thema, das in der präklinischen Notfallmedizin von entscheidender, wenn auch in Deutschland von seltener Bedeutung ist. Im Interview berichten die beiden angehenden Mediziner darüber, warum sie gerade dieses komplexe und sensible Thema in den Fokus rücken und welche Erkenntnisse sie dabei gewonnen haben.
Was hat Sie dazu bewogen, gerade das Thema Schussverletzungen für Ihren Artikel zu wählen? Gab es einen bestimmten Auslöser oder ein persönliches Interesse?
Christoph Buchholtz: Vor meinem Medizinstudium war ich bei der Bundeswehr als Notfallsanitäter tätig und hatte die Möglichkeit, am Trauma Fellowship-Program in Johannesburg teilzunehmen – ein spezielles Ausbildungsprogramm für Einsatzärzte und Notfallsanitäter der Bundeswehr. Dort war ich am Chris Hani Baragwanath Hospital im Einsatz, einem internationalen Lehrkrankenhaus mit einer sehr hohen Rate an Schuss- und Stichverletzungen. Diese Erfahrungen haben mich tief geprägt. Schussverletzungen sind in Deutschland vergleichsweise selten, stellen jedoch aufgrund ihrer Komplexität eine enorme medizinische Herausforderung dar. Mit Beginn des Studiums an der MHB lernte ich Dennis kennen, der als Sektionsassistent in der Rechtsmedizin in Saarbrücken arbeitete. Durch seine forensische Vorerfahrung konnte er den theoretischen Teil zur Kinematik der Schussverletzungen erarbeiten, während ich mich auf die klinisch-notfallmedizinische und wundballistische Perspektive konzentriert habe. Unser Artikel basiert auf zwei exemplarischen Fällen – einem mit einer Kurzwaffe, einem mit einer Langwaffe – und zeigt die unterschiedlichen Verletzungsmuster sowie die Herausforderungen in Diagnostik und Versorgung auf.
Wie haben Sie die Informationen für Ihren Artikel gesammelt?
Dennis Lander: Die Entscheidung, nach dem Studium den Facharzt für Rechtsmedizin anzustreben, war für mich auch mit dem Wunsch verbunden, frühzeitig wissenschaftlich zu arbeiten. Eine Veröffentlichung in einem Fachjournal ist dabei nicht nur eine wertvolle Möglichkeit zur inhaltlichen Vertiefung, sondern auch ein bedeutsamer Schritt in Richtung meiner gewünschten beruflichen Zukunft. Für einen wissenschaftlich fundierten Artikel reicht praktisches Erfahrungswissen allein natürlich nicht aus. Viele Inhalte – insbesondere zur Waffen- und Munitionskunde sowie zur ballistischen Energieabgabe – mussten wir gezielt recherchieren. Ich habe mich dabei vor allem auf rechtsmedizinische Fachliteratur konzentriert, während Christoph den Schwerpunkt auf notfallmedizinische Quellen und die Wundballistik gelegt hat. Die notfallmedizinischen Grundlagen brachte er bereits aus seiner Zeit bei der Bundeswehr mit – hauptsächlich durch seine Teilnahme am Trauma Fellowship-Program in Johannesburg. Von dort stammen auch die Bilder und Patientendokumentationen, die wir im Artikel exemplarisch verwenden konnten.
Dennis Lander (links) und Christoph Buchholtz. Foto: privat
Können Sie ganz kurz die wichtigsten Unterschiede zwischen verschiedenen Arten von Schusswaffen und den daraus resultierenden Verletzungsmustern erläutern?
Dennis Lander: Grundsätzlich lassen sich Schusswaffen in Langwaffen und Kurzwaffen unterteilen. Langwaffen wie Gewehre weisen durch ihren längeren Lauf und die stärkere Treibladung häufig eine deutlich höhere Mündungsenergie auf. Das führt häufig zu schweren, großflächigen Verletzungen mit tiefer Gewebedurchdringung und in vielen Fällen auch zu einer Austrittswunde. Kurzwaffen wie Pistolen oder Revolver haben demgegenüber eine geringere Mündungsenergie, wodurch die Wunden meist kleiner ausfallen und seltener mit einer Austrittswunde einhergehen. Auch das Kaliber spielt eine große Rolle: Großkalibrige Geschosse verursachen in der Regel massivere Verletzungen mit ausgeprägter Gewebedestruktion. Kleinkalibrige Projektile wirken zwar weniger zerstörerisch, sind jedoch keineswegs ungefährlich – je nach Einschusswinkel, Projektilbahn und Wundballistik können auch sie tödlich sein. Nicht zuletzt ist der Projektiltyp entscheidend. Während Vollmantelgeschosse meist den Körper durchdringen und relativ glatte Wundkanäle hinterlassen, führen Hohlspitz- oder Teilmantelgeschosse durch ihre Expansion im Gewebe zu einer stärkeren Energieabgabe und damit zu schwereren Verletzungen. Diese Geschosse deponieren ihre Energie im Körper und verbleiben häufig darin, wodurch Austrittswunden seltener sind. All diese Parameter führen dazu, dass keine Schussverletzung der anderen gleicht – was ihre medizinische und forensische Beurteilung so komplex wie spannend macht.
Für wen ist Ihr Artikel vor allem gedacht?
Christoph Buchholtz: Unser Ziel war es, das Thema Wundballistik – also die Wirkung von Projektilen im Körper – vor allem für Notfallsanitäter und Rettungssanitäter im Rettungsdienst, der Polizei oder dem Militär verständlich und praxisnah aufzubereiten. Gleichzeitig richtet sich der Artikel auch an Notärztinnen und Notärzte sowie an Medizinstudierende. Schussverletzungen sind ein ausgesprochen interdisziplinäres Thema: Sie vereinen physikalische Grundlagen wie die Kinematik und innere Ballistik mit medizinischen Aspekten der präklinischen Versorgung und der klinischen Weiterbehandlung. Deshalb sprechen wir mit dem Artikel ganz unterschiedliche Themenbereiche an – von der Physik über die Notfallmedizin bis hin zur Rechtsmedizin. Jede dieser Perspektiven trägt dazu bei, Schussverletzungen besser zu verstehen und im Ernstfall angemessen reagieren zu können. Unser Anspruch war, dieses komplexe Thema so aufzubereiten, dass es für alle beteiligten Fachbereiche nachvollziehbar und anwendbar ist.
Was sind die primären Ziele der Erstversorgung bei einem Patient*innen mit Schussverletzungen?
Christoph Buchholtz: Die Erstversorgung von Schussverletzungen richtet sich zuerst an der Lage oder der Umgebung aus, da die Eigensicherheit die oberste Priorität hat. Gerade bei Schussverletzungen in der präklinischen Versorgung muss auf die Eigensicherheit geachtet werden. Dabei sollte sich am SICK-Schema, also Scene assessment and safety, Impression, Critical bleeding, Kinematics, orientiert werden. In der Lagebeurteilung (Scene assessment and safety) müssen mögliche Gefahren erkannt und ggf. die eigene Flucht oder eine Crash- Rettung veranlasst werden. Nach der Lagebeurteilung folgt der Ersteindruck (Impression), um lebensbedrohliche Verletzungen und vital gefährdete Patienten zu erkennen. Jetzt müssen massive Blutungen (Critical bleeding) zum Beispiel mit einem Tourniquet gestoppt werden. Zuletzt wird die Kinematik beurteilt, ein zentrales Thema unseres Artikels – also der zugrundeliegende Verletzungsmechanismus. Dabei wird analysiert, wie es zur Schussverletzung kam, welchen Verlauf das Projektil genommen haben könnte und ob dadurch weitere Begleitverletzungen, wie beispielsweise Organ-, Gefäß- oder Skelettschäden, entstanden sein könnten. Hier spielen auch die Feststellung der Feuerwaffe und des Kalibers eine wichtige Rolle. Die notfallmedizinische Erstversorgung von Schussverletzungen folgt dem standardisierten „cABCDE Schema“. Es basiert dabei auf dem Prinzip „treat first what kills first“.