Studium
Fit fürs M2: Wie ein Studierender die Examensvorbereitung neu denkt
Neuruppin, 30. Juli 2026
Das zweite Staatsexamen gilt als eine der größten Hürden im Medizinstudium. Es bildet als zweiter Abschnitt der Ärztlichen Prüfung den Übergang zwischen dem theoretischen Studienabschnitt und dem Praktischen Jahr (PJ). Sein erfolgreicher Abschluss ist die notwendige Voraussetzung für die spätere Approbation und den Eintritt in das Berufsleben. Doch oft sind es nicht die medizinischen Inhalte, die Studierenden die größten Sorgen bereiten, sondern fehlende Orientierung, Prüfungsstress und die Frage nach der richtigen Lernstrategie. Mit dem Programm "First Aid 2.0 – Fit fürs M2" hat Simon-Alexander Stiehl, Medizinstudent im Praktischen Jahr an der Medizinischen Hochschule Brandenburg (MHB), ein innovatives Begleitangebot entwickelt, das genau diese Lücke schließen soll. Im Interview erklärt er, warum eine erfolgreiche Examensvorbereitung weit mehr umfasst als das Lernen von Fakten und weshalb individuelle Begleitung dabei den entscheidenden Unterschied machen kann.
Das M2 gilt für viele Medizinstudierende als eine der größten Herausforderungen im Studium. Welche Unsicherheiten erleben Sie bei Studierenden besonders häufig – und wie hilft First Aid 2.0 dabei, diesen zu begegnen?
Simon-Alexander Stiehl: Die meisten Studierenden haben gar nicht in erster Linie direkte Angst vor den medizinischen Inhalten an sich – vielmehr fehlt ihnen die konkrete Orientierung und Optionen zur Umsetzung der Lern- und Vorbereitungsphase. Auch mentale Aspekte wie der Umgang mit Stress spielen eine zentrale Rolle. Immer wieder höre ich Fragen wie: Wann sollte ich mit der Vorbereitung beginnen? Welcher Lernplan passt zu mir? Welche Lernplattform ist sinnvoll? Schaffe ich den 100-Tage-Lernplan überhaupt? Wie finde ich eine gesunde Balance zwischen Lernen, Freizeit und Erholung? Viele wissen außerdem nicht, wie sie ihre Vorbereitung langfristig strukturieren sollen und fühlen sich von der Fülle an Informationen, Lernangeboten und Ratschlägen aus dem Umfeld überfordert. Genau hier setzt First Aid 2.0 an! Das Ziel ist es, den Studierenden frühzeitig Orientierung zu geben und ihnen das Gefühl zu vermitteln, dass sie mit diesen Fragen nicht allein sind. Wir zeigen verschiedene Lernstrategien und Vorbereitungsmöglichkeiten auf, helfen bei der individuellen Lernplanung und sprechen offen über die organisatorischen und mentalen Herausforderungen des M2. Es geht nicht darum, den einen perfekten Lernplan - nach Schema F - zu vermitteln, sondern gemeinsam herauszufinden, welcher Weg zur jeweiligen Person passt. Wer seine Vorbereitung frühzeitig strukturiert und vorbereitet, gewinnt nicht nur Zeit, sondern vor allem Sicherheit und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, Stärken aber auch Schwächen. Besonders in der dezentralen Phase des BMM – also im 8. bis 10. Semester – ist der Bedarf an und die Nachfrage nach strukturierter Begleitung/Betreuung groß. Die Studierenden sind oft klinisch eingebunden, haben eigene Lernrhythmen entwickelt und gleichzeitig das Gefühl, auf das M2 alleine vorbereitet zu sein. First Aid 2.0 möchte hier eine Brücke schlagen zwischen dem, was sie im BMM-Spiralcurriculum bereits gelernt haben, und dem, was sie für das Staatsexamen konkret brauchen und relevant ist.
First Aid 2.0 verbindet Vorlesungen, Gruppengespräche und individuelle Beratungen. Was macht dieses Konzept aus Ihrer Sicht besonders effektiv, und womit dürfen die Teilnehmenden konkret rechnen?
Ich bin überzeugt, dass eine erfolgreiche Examensvorbereitung mehr braucht als der reine Lernprozess als auch gute Lernmaterialien und Vorlesungen sowie Informationsveranstaltungen. Deshalb verbindet First Aid 2.0 drei Bausteine miteinander: strukturierte Vorlesungen, den Austausch in der Gruppe und individuelle Beratung per offenen und gezielten Sprechstunden. In den Vorlesungen vermitteln wir bewährte Lernstrategien, geben einen Überblick über den Ablauf des M2 sowie Formalitäten und administrative Aspekte zur M2-Anmeldung und sprechen über organisatorische sowie mentale Themen der Vorbereitung. Dazu gehören Themen wie Lernplanung, Prüfungsorganisation, Zeitmanagement und Selbstfürsorge, Selbstachtsamkeit. In den offenen oder geschlossenen Gruppengesprächen können Studierende ihre Erfahrungen, Probleme und Herausforderungen teilen und voneinander lernen. Dieser Austausch ist extrem wertvoll, weil viele merken, dass sie mit ihren Sorgen nicht allein sind. Gleichzeitig bieten die Einzelberatungen Raum für ganz persönliche Fragen, Sorgen/Ängste und individuelle Lernkonzepte und Lernfortschritte. Hier können wir gemeinsam den eigenen Lernplan anpassen, Fortschritte reflektieren und auf individuelle Herausforderungen eingehen. Gerade diese Kombination macht das Format, welches es an der MHB einzigartig ist, so wertvoll. Die Studierenden erhalten nicht nur Informationen, sondern entwickeln Schritt für Schritt ihren eigenen Fahrplan für die M2-Examensvorbereitung – praxisnah, individuell und auf Augenhöhe. Das Format wurde zudem fachlich unterstützt durch Dr. Lars Allolio-Näcke und Prof. Dr. Thomas Stamm, deren Expertise in die Gestaltung des Formats eingeflossen ist.
Im Kurs vermitteln Sie nicht nur Lernstrategien wie Anki oder die Pomodoro-Methode, sondern sprechen auch über mentale Aspekte der Examensvorbereitung. Warum gehört beides für Sie untrennbar zusammen?
Weil die beste Lernstrategie wenig bringt, wenn sie im Alltag nicht dauerhaft umgesetzt werden kann. Die Vorbereitung auf das M2 ist ein Marathon, kein Sprint. Über viele Monate motiviert zu bleiben, Rückschläge auszuhalten und gleichzeitig auf die eigene Gesundheit zu achten, ist mindestens genauso wichtig wie medizinisches Wissen. Deshalb sprechen wir bewusst auch über Themen wie Prüfungsstress, Selbstzweifel und Rückschläge, Motivation und Work-Life-Balance im Rahmen des Lernplans. Erfolgreiches Lernen bedeutet nicht, möglichst viele Stunden am Schreibtisch zu verbringen. Entscheidend ist, nachhaltig zu lernen, realistische Ziele zu setzen und sich selbst auf Langzeit nicht zu überfordern. Mentale Gesundheit ist für mich kein Nebenthema der Examensvorbereitung – sie ist eine ihrer wichtigsten Voraussetzungen. In First Aid 2.0 greifen wir deshalb auch Konzepte aus First Aid 1.0 wieder auf – etwa die Auseinandersetzung mit dem eigenen Lerntypus oder die Reflexion über Lerngewohnheiten. Wir zeigen, wie man die Pomodoro-Methode oder Anki-Karteikarten nicht nur technisch einsetzt, sondern auch in einen nachhaltigen Lernrhythmus integriert. Ziel ist es, dass die Studierenden nicht nur wissen, was sie lernen müssen, sondern auch, wie sie es langfristig und gesund umsetzen können.
Simon-Alexander Stiehl hat das First-Aid 2.0-Konzept entwickelt - hier beim Kongress der DGBS 2024 mit seinem Poster.
Die Pilotphase wurde laut Ihrer Schilderung von den Studierenden sehr positiv bewertet. Gab es Rückmeldungen oder Erfolgsgeschichten, die Sie besonders gefreut oder in Ihrem Konzept bestätigt haben?
Besonders gefreut hat mich, dass viele Studierende nach den Veranstaltungen gesagt haben: „Jetzt weiß ich endlich, wie ich anfangen kann.“ Genau dieses Gefühl von Orientierung und Sicherheit geben, war eines unserer wichtigsten Ziele. Viele berichteten außerdem, dass sie nach First Aid 2.0 deutlich entspannter auf das M2 geblickt haben, weil sie ihre Vorbereitung besser strukturieren konnten. Auch die große Nachfrage nach den Einzel- und Gruppengesprächen hat gezeigt, wie hoch der Bedarf an persönlicher Begleitung ist. Es scheint auch effektiv und sinnvoll zu sein, dass es regelmäßige offene M2-Sprechstunden an der MHB in dieser Form gibt, um Ängste und Unsicherheiten aus den Weg zu räumen. Einige Teilnehmer*innen äußerten auch , dass sie beruhigt seien, dass es durch First Aid 2.0 jetzt ein konkretes Medium für Austausch und Evaluation sowie psychosoziale Unterstützung gibt. Dies sollte unbedingt weitergeführt werden. In der Pilotphase 2026 lag die durchschnittliche Teilnehmerzahl bei 30 bis 50 Studierenden pro Veranstaltung. Die Vorlesungen dauerten 90 Minuten, ergänzt durch eine zusätzliche halbe Stunde für Fragen und Diskussionen. Insgesamt wurden drei Vorlesungsdurchgänge sowie eine Vielzahl an Gruppen- und Einzelberatungen durchgeführt. Die Rückmeldungen waren durchweg positiv: Viele lobten, dass das flexible sowie interaktive Format genau zum richtigen Zeitpunkt kommt und die Inhalte praxisnah und verständlich vermittelt werden. Für mich war das die schönste Bestätigung, dass First Aid 2.0 eine schon länger bestandene Lücke schließt, die durch klassische Lehrveranstaltungen allein nicht vollständig abgedeckt werden kann. Die Studierenden schätzen besonders die Möglichkeit, individuelle Fragen einzubringen und in einem geschützten Raum über ihre Unsicherheiten zu sprechen.
Sie betonen, dass der BMM mit seinem Spiralcurriculum und dem problemorientierten Lernen eine gute Grundlage für das M2 bietet. Wie können Studierende diese Stärken gezielt für ihre Examensvorbereitung nutzen?
Der Brandenburger Modellstudiengang vermittelt medizinisches Wissen sehr praxisnah, klinisch-problemorientiert und vernetzend. Durch das Spiralcurriculum und POL (problemorientierte Lernen) entwickeln die Studierenden früh ein gutes klinisches Wissen und Verständnis. Diese Kompetenzen des komplex-vernetzten Denkens sind auch im M2 ein großer Vorteil. MHB Studierende haben bereits ab Semester 1 POL-Unterricht und sind somit in dieser problemorientierten Fallanalyse von klinischen Patientenfällen und Versorgungssituation sehr gut geschult und mit der Erarbeitung vertraut. Gleichzeitig verlangt das Staatsexamen eine gezielte Wiederholung der IMPP-relevanten Inhalte. Deshalb empfehle ich, die Stärken des BMM bewusst mit einer strukturierten Examensvorbereitung – zum Beispiel mithilfe von AMBOSS oder Via Medici – eng zu verbinden. Wer frühzeitig beginnt und sein klinisches Denken systematisch mit prüfungsrelevantem Wissen verknüpft, schafft aus meiner Sicht die besten Voraussetzungen für ein erfolgreiches M2. In First Aid 2.0 zeigen wir konkret, wie man die eigenen Stärken aus dem Studium nutzen kann: Welche Inhalte aus den IDS (interdisziplinären Seminaren) sind besonders relevant? Wie kann man das im POL erworbene Fallverständnis für das Lernen nutzen? Und wie integriert man die Lernplattformen sinnvoll in den eigenen Lernplan, ohne sich zu überfordern oder mit Wissensbestände zu überfrachten.
Zum Abschluss: Wenn Sie Studierenden im 8. bis 10. Semester aus Ihrer Erfahrung heraus einen einzigen Rat für die Vorbereitung auf das M2 mit auf den Weg geben könnten – welcher wäre das?
Mein wichtigster Rat wäre: Fangt frühzeitig an – aber macht euch nicht verrückt. Es gibt nicht den einen perfekten und fehlerfreien Lernplan und auch nicht die eine richtige und unverfehlbare Lernmethode. Entscheidend ist, eine Strategie zu finden, die zu euch passt und die ihr über viele Monate – 100 Tage lang – konsequent umsetzen könnt. Und vielleicht noch etwas, das mir persönlich sehr wichtig ist: Vergleicht euch nicht ständig mit anderen. Jede und jeder lernt anders und hat seinen eigenen Rhythmus und setzt im Lernen unterschiedliche Schwerpunkte. Wer kontinuierlich arbeitet, sich bei Unsicherheiten Unterstützung holt und Vertrauen in den eigenen Lernprozess entwickelt, hat bereits einen entscheidenden Schritt in Richtung eines erfolgreichen Staatsexamens gemacht. Und noch ein letzter Gedanke, den ich den Studierenden mitgeben möchte: Nutzt die Angebote, die es gibt – wie First Aid 2.0. Ihr müsst das nicht alleine schaffen. Die MHB bietet mit ihrem didaktischen Konzept bereits sehr gute Voraussetzungen im Rahmen des klinischen Abschnittes. Es geht darum, diese Stärken zu erkennen, sie gezielt zu nutzen und sich dabei unterstützen zu lassen.
Ausblick: First Aid 2.0 als festes Format
"First Aid 2.0 soll langfristig als festes, durchgeführtes Vorlesungsformat etabliert werden, um auch künftigen Generationen an Medizinstudierenden gezielt Hilfestellung bei der M2-Vorbereitung zu bieten. Auch ich selbst möchte mich gerne weiterführend in meinem konzipierten Modul First aid 2.0 engagieren und dies weiterführen – auch nach dem Studium, um der MHB verbunden zu bleiben. Die MHB profitiert dabei von einem innovativen, praxisnahen Lehrformat, dass die Studierenden effektiv auf eine entscheidende Phase ihres Studiums vorbereitet und gleichzeitig die Qualität der IMPP-Ergebnisse verbessern kann. Mit First Aid 2.0 wird die erfolgreiche Brücke von der Studienorientierung im ersten Semester bis hin zur gezielten Vorbereitung auf das Staatsexamen geschlagen – ein weiterer Meilenstein in der medizindidaktischen Innovation an der MHB", so Stiehl.
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