Interview
Einsatz in Äthiopien: Aaron Biederstädt über seine Erfahrungen in der Kinderchirurgie
Brandenburg an der Havel, 16. April 2026
Mitten in den Operationen unter flackerndem Licht und in einem überfüllten Krankenhaus in Äthiopien wurde Aaron Biederstädt klar, wie viel die Medizin mit Kreativität und Improvisation zu tun hat. Der 23-jährige MHB-Medizinstudent nahm während seiner Famulatur am Universitätsklinikum Brandenburg an der Havel nicht nur die Herausforderungen der Kinderchirurgie an, sondern erlebte auch die tiefgreifenden Unterschiede der Gesundheitssysteme. Denn Chefarzt Carlos Reck-Burneo fragte ihn, ob er er kurzfristig mit nach Addis Abeba fliegen wolle, denn Reck-Burneo engagiert seit vielen Jahre in den Regionen der Welt, die medizinisch noch unterversorgt sind. Aaron Biederstädt sagte zu. Vom Suchen nach Lösungen in unterversorgten Regionen bis hin zur Entscheidung, sich langfristig für die Kinderchirurgie zu engagieren – Biederstädt teilt im Interview seine Erfahrungen.
Wie haben deine Erfahrungen in Äthiopien deine Perspektive auf die medizinische Praxis und die Ressourcenverwendung in Deutschland verändert, und inwiefern beeinflusst diese Sichtweise deine zukünftige medizinische Arbeit?
Aaron Biederstädt: Wie sagt man so schön: Andere Länder, andere Sitten. Äthiopien war in vielerlei Hinsicht eine komplett andere Welt für mich. Nicht nur im medizinischen Kontext, sondern im kompletten Lebensgefühl. Ich hatte öfter das Gefühl, die Uhren dort ticken etwas langsamer. Ein OP-Tag fängt in Äthiopien später an als in Deutschland. Oftmals hatte ich den Eindruck das Motto sei „Take it easy“. Die Menschen in Äthiopien lassen sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen oder stressen, denn oftmals können sie ihre strukturellen Probleme nicht so einfach lösen. Verspätung hatten nicht selten damit zu tun, dass ältere Technik nicht funktionierte und die Vorbereitungen für eine OP somit länger dauerten als bei uns. Und das war natürlich nicht der einzige Unterschied. Die gesamte Infrastruktur ist gänzlich anders. Das Universitätsklinikum von Addis ist eines der wenigen, das Menschen bezahlbar behandelt. Wer sich in Äthiopien eine Behandlung in einem der vielen modernen Privatkrankenhäuser nicht leisten kann, dem bleiben nur staatliche Einrichtungen. Diese sind sehr rar, überfüllt mit Patienten und schlecht ausgestattet. Das Uniklinikum in Addis versorgt Millionen Menschen und daher ist ein umfangreiches Team und die funktionierende Technik so wichtig. Am Anfang ist man schockiert von den baulichen Gegebenheiten, den Provisorien und der in die Jahre gekommenen Technik, aber das blendet man irgendwann aus. Denn wenn ich eines gelernt habe in Äthiopien, dass man mit recht einfachen Mitteln sehr große Medizin vollbringen kann.
Welche Lehren aus der Kinderchirurgie und den interkulturellen Team-Erfahrungen unter Dr. Reck-Burneo hast du in deinen medizinischen Alltag übernommen, und wie beeinflusst diese interkulturelle Arbeit deine Sicht auf den internationalen Austausch in der Medizin?
Biederstädt: Ich habe meine Famulatur sehr bewusst in der Kinderchirurgie am Uniklinikum Brandenburg gemacht. Herr Reck hat einen sehr beeindruckenden Werdegang und ich war mir sicher, sehr viel von ihm und seinem internationalen Team lernen zu können. Es ist sehr bereichernd, wenn man nicht nur hört: „So haben wir das schon immer gemacht“ sondern, wenn man Einflüsse aus den verschiedensten Gesundheitssystemen und Ländern mitbekommt, in denen Herr Reck und die Oberärzte schon gearbeitet haben. In den wenigen Wochen konnte ich so viel mitnehmen und lernen wie selten zuvor. Besonders in Erinnerung geblieben sind mir natürlich die Operationen in Äthiopien, bei denen wir teilweise nur mit dem Licht der Stirnlampen rektale Fehlbildungen korrigierten. Sehr lange und sehr umfangreiche Operationen an sehr kleinen Kindern, die immer wieder durch Stromausfälle, technische Vorkommnisse oder Materialprobleme spannend wurden. Oftmals waren es die unkonventionellen Einfälle von Herrn Reck, welche seine operativen Erfahrungen zeigten und letztlich zu den gewünschten Ergebnissen führten.
Wie haben deine Erlebnisse in der Kinderchirurgie – sowohl in Brandenburg als auch in Äthiopien – deinen Entschluss beeinflusst, dich auf dieses Fachgebiet zu konzentrieren, und inwiefern siehst du es als Möglichkeit, international aktiv zu werden?
Biederstädt: Die Kinderchirurgie ist ein wahnsinnig umfangreiches Fach, in dem man fast alles operiert und viele Spezialisierungen hat. Ich war durch vorherige Praktika und Studentenjobs schon sehr auf ein Fach fokussiert. Dieser Fokus hat sich jetzt anscheinend verlagert, was mich wohl zu einem praktisch lernenden Menschen macht. Ich habe mich sehr wohlgefühlt in der Kinderchirurgie. Die Arbeit mit den Kindern und Eltern hat mich jeden Tag erfüllt und glücklich gemacht. Man hatte jeden Tag den Eindruck, etwas Wichtiges und Gutes zu vollbringen. Äthiopien war da denke ich mal nicht besonders entscheidend. Ich habe schon vorher gehofft, ein Fachgebiet zu ergreifen, indem man international tätig werden und andere Gesundheitssysteme kennenlernen kann. Die Kinderchirurgie eignet sich da besonders, da man an vielen Stellen und Ländern der Welt dort leider noch Pionierarbeit leisten muss und vom internationalen Austausch lernen kann.
Welche Schlüsse ziehst du aus deiner Zeit in Äthiopien bezüglich der Bedeutung internationaler Einsätze für die persönliche und berufliche Entwicklung eines Arztes, und wie möchtest du diese Perspektive in deiner Karriere nutzen?
Biederstädt: Ich denke, ich bin nochmal dankbarer für all die Möglichkeiten und Gegebenheiten geworden, die wir hier in Deutschland genießen dürfen. Das gilt nicht nur für die Medizin, aber dort fällt es sicherlich nochmal besonders auf. Ich habe definitiv gelernt bewusster zu konsumieren und zu diagnostizieren. Es ist hinreichend bekannt, dass wir in Deutschland zu viel und zu teuer diagnostizieren und ich denke, es ist sinnvoll bei der Patientenversorgung bewusster mit unseren Ressourcen umzugehen. Das möchte ich auf jeden Fall mitnehmen! Für die Zukunft hoffe ich, dass Äthiopien nicht mein letzter Auslandseinsatz war. Die Welt ist groß und es gibt so viele Länder, denen man helfen und von denen man lernen kann. Ich möchte sehr gern mehr von der Welt sehen!
Nach deinem Praktikum in Addis Abeba hast du vor, dich auch in der Öffentlichkeitsarbeit aktiv zu werden. Was reizt dich an dieser Art der Arbeit, und was möchtest du mit deinem Engagement erreichen?
Biederstädt: Es gibt viele Projekte, die wir gemeinsam in Brandenburg begonnen haben, und das Team hat so viele Ideen, wie man die Kinderchirurgie voranbringen kann. Da möchte ich gern helfen und teilhaben. Ich möchte die Aufklärungsarbeit für Eltern und Kinder verbessern. Momentan arbeiten wir an Leitfäden und Informationsbroschüren. Für die Zukunft sind auch größere Projekte geplant, welche die klinische Versorgung beeinflussen sollen. Es gefällt mir sehr in einem Team zu arbeiten, die so viele innovative Ideen haben. Ich hoffe, dass wir dadurch mehr Kinder und Eltern erreichen und die Medizin für sie zugänglicher und moderner gestalten können.