Aktuelles Mit Druckluft gegen Durchblutungsstörungen

Mit Druckluft gegen Durchblutungsstörungen

Neuruppin, 14.12.2016

Projekt AngioAccel erhält Förderung vom BMBF in Höhe von 1.7 Mio. Euro. Amputationen sollen um bis zu 25 % gesenkt werden

Prof. Dr. Ivo Buschmann, Klinikdirektor der Hochschulklinik für Angiologie, und Dr. Philipp Hillmeister, Direktor der Experimentellen Angiologie, erhalten für ihr Projekt AngioAccel vom Bundesministerium für Bildung und Forschung 1.7 Millionen Euro. Unter dem Titel „Validierung von Innovationspotential“ (VIP) fördert das Ministerium die Entwicklung neuer, vielversprechender Sprunginnovationen.

„Es freut uns sehr, dass unser Projekt AngioAccel vom Ministerium als förderungswürdig erachtet wurde und nun in den kommenden drei Jahren mit mehr als 1.7 Mio. Euro unterstützt wird. Mit den Geldern wollen wir den Bereich der experimentellen Angiologie weiter auf- und ausbauen sowie die Wirkung unserer Therapieform in klinischen Studien erproben“, erklären der Gefäßmediziner und Angiologe Prof. Buschmann und der Molekularbiologe Dr. Hillmeister, die sich am Campus Brandenburg der Medizinischen Hochschule Brandenburg, Städtisches Klinikum Brandenburg mit Gefäßerkrankungen beschäftigen.

„Im gesunden Zustand merken wir ja nicht, dass das Blut durch unsere Gefäße fließt und dabei alle Organe und Zellen des Körpers mit lebenswichtigen Stoffen versorgt. Jedoch ist die pAVK eine gefährliche Krankheit, die häufig still verläuft und daher oft sehr spät bemerkt wird. In Folge einer Verkalkung kann es zu einer Einengung der Arterien oder sogar zum kompletten Verschluss von Gefäßen kommen. Durchblutungsstörungen verursachen dann bei den Betroffenen Krankheitsanzeichen oder Ausfälle, meistens in den Beinen, manchmal auch in den Armen. Wenn diese Krankheitszeichen erst sehr spät bemerkt werden, kann sich die Situation schlagartig verschlechtern. In den schlimmsten Fällen wird eine Amputation notwendig. Weil die Atherosklerose jedoch nicht nur auf Beine und Arme beschränkt ist, sondern sämtliche Gefäße des Körpers betreffen kann, können bei pAVK-Patienten auch zusätzlich Krankheiten wie die Koronare Herzkrankheit oder Durchblutungsstörungen des Gehirns auftreten. Im Durchschnitt verringert eine pAVK die Lebenserwartung um etwa zehn Jahre“, erläutert Prof. Buschmann.

Weil Betroffene beim Gehen bedingt durch starke Schmerzen häufig Pausen einlegen, werden pAVK-Erkrankungen im Volksmund auch Schaufensterkrankheit genannt. „Viele Betroffene versuchen, das häufige Stehenbleiben wie einen Schaufensterbummel aussehen zu lassen. pAVK-Patienten werden durch die chronischen Schmerzen zunehmend immobil und der Bewegungsmangel führt zu weiteren Erkrankungen, worunter insgesamt auch die Lebensqualität stark leidet“, so Prof. Buschmann weiter.

„Die Atherosklerose ist eine Erkrankung von Blutgefäßen (Arterien), die zu pAVK, Herzinfarkt und Schlaganfall führen kann. Daraus folgen leider die häufigsten Todesursachen in Deutschland“, ergänzt Dr. Hillmeister. „Die Zahl von pAVK-Patienten verdoppelte sich weltweit seit 2000 auf mehr als 300 Millionen und nimmt weiter zu. Behandlungskosten, Pflege und Arbeitsausfälle verursachen immens hohe Kosten. Im schlimmeren und späteren Verlauf einer pAVK kann es dazu kommen, dass der Fuß eines Patienten amputiert werden muss. In Brandenburg liegen die Amputationsraten leider sehr hoch, bundesweit werden mehr als 80.000 Extremitäten amputiert - ohne Dunkelziffer. Zudem haben bei einer Atherosklerose mit pAVK die Patienten ein bis zu 60% höheres Risiko, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden. In der Statistik der Tode durch Herzinfarkt belegt Brandenburg bundesweit einen Spitzenplatz. Es besteht also eine große Notwendigkeit, dies zu ändern und neue Strategien zu entwickeln“, so Hillmeister weiter.

Hier setzt AngioAccel an: „Bei AngioAccel handelt es sich um eine neue, individuell auf jeden einzelnen Patienten abgestimmte Behandlungsstrategie, welche die Regenerationskraft der Arterien aktivieren und stärken soll. AngioAccel ist eine Art therapeutischer „Hose“, die der pAVK-Patient zur Behandlung anzieht. Der Patient nimmt dafür auf einer Liege Platz, anschließend werden um die Hüfte und die Oberschenkel Manschetten gewickelt, die dann mit Druckluft befüllt und rhythmisch im Takt des Herzens komprimiert werden. Da auf diese Weise auch das Herz-/Kreislaufsystem aktiviert wird, kann unsere Therapie auch als eine Art passives Training angesehen werden. Denn obwohl sich der Patient während der Behandlung nicht bewegt, fließt durch die Kompression der Manschetten das Blut wie bei einer richtigen sportlichen Belastung schneller durch die Beinarterien. Der erhöhte Blutfluss simuliert so eine Trainingssituation“, erklärt Prof. Buschmann die Funktions- und Wirkungsweise von AngioAccel.

Die beiden Angiologen publizierten in der Vergangenheit bereits zahlreiche Forschungsergebnisse und gelten als weltweit führend auf dem Gebiet des therapeutischen Arterienwachstums. Bereits 2009 konnten die beiden erstmals zeigen, dass bei Patienten mit einer Koronaren Herzkrankheit (KHK) das Wachstum biologischer Bypässe ohne operativen Eingriff und mit Verwendung einer „Herzhose“ deutlich verbessert werden kann. Im Vergleich zu alten Therapieformen der Gegenpulsation (sogenannten EECP Verfahren) wird das Herzhose Verfahren an jeden Patienten individuell angepasst. Die z.T. erheblichen Nebenwirkungen der EECP Therapie lassen sich dadurch drastisch senken. An der Medizinischen Hochschule Brandenburg wird nun die in den vergangenen 20 Jahren an der Max-Planck-Gesellschaft, der Albert-Ludwigs-Universitätsklinik Freiburg und der Berliner Charité geleistete Forschung als Verfahren für die pAVK zum AngioAccel optimiert, weiterentwickelt und umgesetzt.

„Unser Ziel ist es, die Amputationsrate bei pAVK-Erkrankungen in Brandenburg in den nächsten Jahren um 25% zu senken. AngioAccel soll die Symptome einer pAVK spürbar mildern, damit Patienten wieder lange Gehstrecken schmerzfrei laufen können. Damit soll sich insgesamt auch die Lebensqualität der Patienten deutlich verbessern und Patienten sollen sich motivieren, sich selber wieder mehr zu bewegen, Sport zu treiben und insgesamt mehr auf ihr Leben zu achten. Ein vergleichbares Medizinprodukt wie AngioAccel für eine nachhaltige ambulante präventive Therapie und Rehabilitation bei pAVK gibt es aktuell nicht“, fasst Prof. Buschmann zusammen.

Mit den jetzt durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung bewilligten Mitteln soll im Rahmen einer klinischen Studie an 300 pAVK-Patienten das Innovationspotential von AngioAccel geprüft und bestätigt werden.

Bei weiteren Fragen und Bedarfen steht Ihnen Dr. Philipp Hillmeister, Direktor Experimentelle Angiologie am Campus Brandenburg an der Havel, telefonisch unter 03381 41-1556 sowie per E-Mail unter p.hillmeister@klinikum-brandenburg.de gerne zur Verfügung.

Prof. Buschmann und Dr. Hillmeister freuen sich über Förderung in Millionenhöhe

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