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Kassandras Traum

Sterblichkeitsverläufe der Jahre 2018 und 2020 sowie der Durchschnitt der Jahre 2016 bis 2019 übereinandergelegt

Brandenburg an der Havel, 8. Dezember 2020

Gestern hielt mir anlässlich einer „Querdenken“-Demonstration jemand triumphierend ein Blatt mit einer Grafik vor die Nase und forderte: "Erklären Sie mir das mal, na los, ich versteh' das nicht, können Sie mir das erklären?"

Ich weiß nicht, ob er Kassandra kennt. Das war die Seherin in der antiken Mythologie, die vor diesem Hinterhalt mit dem Trojanischen Pferd und dem Untergang der Stadt gewarnt hatte. Wie immer wurde sie verlacht und ignoriert. Troja wurde eingenommen und ist untergegangen. Hätte man auf Kassandra gehört, die Nervensäge, es wäre anders gekommen.

Auf der Grafik des Mannes waren die Sterblichkeitsverläufe der Jahre 2018 und 2020 sowie der Durchschnitt der Jahre 2016 bis 2019 übereinandergelegt. Es war unverkennbar, dass im Frühjahr 2018 in Deutschland mehr Menschen gestorben sind als im Frühjahr 2020. Richtig: 2018 hatten wir eine ungewöhnlich heftige Influenza-Welle. Und für Influenza gab es keinen Lockdown. Also doch? Corona ist nicht mal so schlimm wie Influenza? Alles Panikmache, Verschwörung?

Wie das so ist mit Fakten, die auf den ersten Blick widersprüchlich erscheinen - ich kann mich entscheiden. Will ich einen zweiten Blick wagen und nachdenken oder lieber kreuz- und querdenken?

Beim statistischen Bundesamt gibt es die gleiche Grafik etwas detaillierter. Die Zahlen sind dieselben. Jedes Jahr gibt es einen Sterblichkeitsgipfel im Frühjahr. Schaut man genauer hin, zeigt sich da 2020 aber eine erkennbare Erhöhung, und die passt haargenau zum mit abgebildeten Verlauf der Corona-Pandemie. Und jetzt, im Herbst, in der zweiten Welle? Sind die Sterbezahlen zwar eindeutig erhöht, aber auch - noch - nicht alarmierend. Also ist Corona zwar irgendwie da, aber doch nur halb so schlimm?

Corona ist zum Glück nicht der tödliche Massenkiller wie Pest oder Cholera, und auch nicht superansteckend wie die Pocken. Neben Corona gibt es weiterhin andere bedeutende Krankheits- und Todesursachen, die wir nicht aus dem Blick verlieren dürfen. Aber nur, weil im Straßenverkehr weniger Menschen sterben als an Herzinfarkten, hören wir ja auch nicht auf, den Sicherheitsgurt anzulegen.

Vor allem aber: Wenn es im Nachbarhaus brennt und die Feuerwehr schafft es, mein Haus zu schützen – sage ich dann hinterher, der Einsatz war doch gar nicht nötig? In unseren Nachbarländern hat sich wie in den USA gezeigt, dass Corona durchaus tötet, Gesundheitssysteme lahmlegen kann, und - das sehen wir hier ebenfalls - selbst junge und gesunde Menschen, die überleben, anhaltend beeinträchtigt. Europaweit zeigt das Frühjahr 2020 eine Zunahme an Todesfällen, die die Influenzapandemie 2018 in den Schatten stellt – und jetzt im Herbst schon wieder. Dass dieses Bild in Deutschland weniger alarmierend ausfällt als in den USA oder Italien, zeigt vor allem: die Maßnahmen zur Eindämmung wirken, und das nicht nur gegen Corona, sondern auch gegen Influenza.

Kassandra wurde gehört, Troja wurde nicht eingenommen.

Machen wir weiter so! Wenn der Mann von der Demo mir am Ende der Pandemie mit der gleichen Frage ein ganz ähnliches Blatt vor die Nase halten kann, dann hat eine solidarische Gesellschaft, dann haben wir alle gemeinsam etwas wirklich Großes geschafft!

Prof. Markus Deckert, Dekan der Fakultät für Medizin und Psychologie

(Nachtrag 11.12.2020: Als dieser Text entstand, zeichnete sich in der Statistik eine Stabilisierung und sogar ein leichter Rückgang der Fallzahlen ab. Dies hat sich seither nicht bestätigt, bundesweit nimmt die Infektionsrate zu statt ab. Damit wird es leider unwahrscheinlicher, dass die Übersterblichkeit durchCoVID-19 in Deutschland insgesamt gering bleibt. Wir können und müssen jedoch immer noch alles tun, damit sie so gering wie möglich bleibt.

Auch über die Feiertage: Bleiben Sie zuhause, und bleiben Sie gesund!)

 

Zum Hintergrund: Mit Fakten gegen Corona-Mythen
Seit November finden jeden Montag in Brandenburg an der Havel Anti-Corona-Demonstrationen statt. Gleichzeitig formiert sich breiter Protest gegen die Corona-Proteste. Der Widerstand gegen die wöchentlichen Corona-Demos in Brandenburg an der Havel wächst. Auch Studierende und Angehörige der MHB gehen regelmäßig mit Fakten gegen Corona-Mythen vor. Auf Initiative und Einladung der studentischen Gruppe „Medizinstudierende für Prävention und Solidarität Brandenburg“ versammelten sich am vergangenen Montag rund 180 Menschen, um ein Zeichen gegen die Corona-Demonstrationen zu setzen und für eine solidarische Gesellschaft und für Erkenntnis durch Wissenschaft einzutreten. Die MAZ berichtete darüber. Prof. Markus Deckert, Dekan der Fakultät für Medizin und Psychologie an der MHB, nahm ebenfalls an der Veranstaltung teil.

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