Den Menschen im Blick

Neuruppin, 25.07.2020

BMBF gefördertes Forschungsprojekt CoronaCare der Medizinischen Hochschule Brandenburg (MHB) untersucht die soziale Gesundheit der Bevölkerung während des Lockdowns durch die Corona-Pandemie. Ein Gastbeitrag von Ulrike Gawande (Ruppiner Anzeiger)

Wie hat der Lockdown im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie die soziale Gesundheit der Menschen beeinflusst? Das ist die Ausgangsfrage des Projektes „CoronaCare“ der Medizinischen Hochschule Brandenburg (MHB) in Neuruppin, das eines von bundesweit 90 Corona-Forschungsvorhaben ist, die mit 45 Millionen Euro vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert werden. 425.305 Euro gehen dabei an das Team um Prof. Dr. Christine Holmberg vom MHB-Lehrstuhl für Sozialmedizin und Epidemiologie.

Doch was verbirgt sich hinter CoronaCare? Wem sollen die Ergebnisse der Studie letztlich nützen? Ziel sei es, Handreichungen zu entwickeln, die später Politikern, Gemeinden oder auch Arbeitgebern weiterhelfen sollen, wie die soziale Gesundheit der Menschen aufrecht erhalten werden kann, sollte es noch einmal zu einer derartigen Form der sozialen Distanzierung bei einer Pandemie kommen, erklärt Christine Holmberg. Sie hofft, bereits im kommenden Sommer den entsprechenden Fachleuten die Ergebnisse ihrer Untersuchungen vorstellen zu können. Bis dahin führt sie mit ihrem vierköpfigen Team, das zudem mit der Sozialmedizin in Magdeburg zusammenarbeitet, zahlreiche Interviews mit Menschen in ganz Deutschland darüber. Sie wollen herausfinden wie diese den Lockdown erlebt haben und wie sie mit der Situation der Unsicherheit und des Risikos umgehen.

Der Mensch ist ein soziales Wesen

„Der Mensch ist ein soziales Wesen. Doch wie geht er damit um, keine soziale Kontakte mehr zu haben. Das ist die fundamentale Frage“, so die 51-jährige Professorin. Sie ist überzeugt, dass die soziale Distanz die Menschen „bis ins Mark trifft“. Doch jeder gehe unterschiedlich mit dieser Situation um, so Holmberg. Daher wird die Gruppe der rund 80 Menschen, die für die Studie in freien Gesprächen und nicht über vorgefertigte Fragebögen befragt werden, möglichst divers ausgesucht. „Wir gehen bei der Auswahl gezielt vor, da wir die Bandbreite der Erfahrungen abbilden wollen“, erklärt die Professorin. Fest steht nur, dass zehn Pflegekräfte und zehn Pflegebedürftige untersucht werden. Ansonsten sollen alle Altersgruppen, Alleinstehende und Familienangehörige, verschiedene Berufsgruppen sowie Menschen, die im Homeoffice gearbeitet und solche, die in Kurzarbeit waren, befragt werden. Die Datenerhebung wird sich bis ins Frühjahr 2021 ziehen, bis zum Sommer soll die Auswertung vorliegen.

Wie beeinflussten die getroffenen Corona-Maßnahmen den Alltag? Welche sozialen und persönlichen Spannungen ergaben sich daraus? Welche Möglichkeiten wurden gefunden, um mit den Einschränkungen umzugehen? Dies sind nur einige der Fragen, die den Studienteilnehmern in den Interviews gestellt werden, erklärt Christine Holmberg. Zusätzlich zu den Gesprächen gebe es noch andere Wege der Datenermittlung. So haben rund 20 Personen aus dem Umfeld der MHB bereits Mitte März begonnen, ihr Leben während des Lockdowns in Videos, Tagebüchern oder auf Fotos festzuhalten. „Wir haben unseren Alltag dokumentiert“, so die 51-Jährige, die in Public Health (Gesundheitswissenschaft) habilitiert hat. „Wir wollen begreifen, wie mit der Pandemie-Situation umgegangen werden kann und wo die Menschen Unterstützung benötigen.“

Pandemie als ein gesamtgesellschaftliches Thema

Ansonsten sei Deutschland aus medizinischer Sicht bisher gut durch die Krise gekommen, so die 51-Jährige. „Wir wissen aber nicht, warum wir bisher so gut davongekommen sind.“ Sicher sei, dass das Land über einen guten öffentlichen Gesundheitsdienst sowie eine starke Grundversorgungsstruktur verfüge. Lediglich an der Vernetzung von beiden hapere es noch, kritisiert sie. Angesichts der Diskussionen um die lokalen Unterschiede bei den Corona-Maßnahmen, hat Holmberg eine eindeutige Position: „Ich bin verwundert über die Kritik. Ich halte es für dringend notwendig angesichts von unterschiedlichen Ausbruchssituationen differenziert nach lokalen Begebenheiten vorzugehen.“

Bei der Pandemie handele es sich eben um ein komplexes Thema. Christine Holmberg ist es dabei wichtig, dass nicht nur ausschließlich ein Aspekt wie die körperliche Gesundheit oder die Wirtschaft bei Entscheidungen berücksichtigt wird. „Die Pandemie ist ein gesamtgesellschaftliches Thema.“ So gelte es, neu zu überlegen, wie die Versorgungsstruktur beispielsweise in Pflegeheimen, Massenunterkünften und dort, wo Menschen eng zusammenleben, künftig angepasst werden kann, damit diese nicht wie bisher zu Hotspots von Corona-Ausbrüchen werden. „Auch hierzu kann CoronaCare einen Beitrag leisten“, so Holmberg.

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