„Das weiß der liebe Gott.“

Johannes Lindenmeyer, Professor für Klinische Psychologie an der MHB, Ist federführend an der Einführung des neuen Direktstudiums Psychotherapie beteiligt

Neuruppin, 04.02.2020

Johannes Lindenmeyer, Professor für Klinische Psychologie an der MHB und ehemaliger Direktor des Salus Klinikums in Lindow, im Gespräch über die an der MHB zum Wintersemester 2020/21 geplante Einführung des Direktstudiums Psychotherapie und die sich daraus ergebenden Veränderungen und Verbesserungen.

» Herr Prof. Lindenmeyer, der Bundesrat hat am 8. November 2019 der vom Bundestag verabschiedeten Reform der Psychotherapeut*innenausbildung zugestimmt. Damit können Universitäten und gleichgestellte Hochschulen einen eigenen Studiengang Psychotherapie anbieten. Wie beurteilen Sie diese Gesetzesänderung?«

Mich hat die Verabschiedung des Gesetzes total gefreut. Denn sehr viele der dort geforderten Studieninhalte haben wir an der MHB bereits umgesetzt. Mit unserem Kliniktag und dem besonderen Lehrformat TRIK bieten wir schon jetzt unseren Studierenden die in der Gesetzesreform geforderte klinische Orientierung, Praxisnähe und Reflexionsmöglichkeit. Aber was noch viel wichtiger ist: Endlich ist es Psycholog*innen möglich, ihre psychotherapeutische Ausbildung unter menschenwürdigen Bedingungen zu machen.

» Was sind die wesentlichen Änderungen?«

Bis heute war es so: Man hat zehn Semester Psychologie studiert und hatte gar nichts! Vielmehr war man danach als Psychotherapeut*in in Ausbildung verpflichtet, über eineinhalb Jahre unentgeltlich im Gesundheitswesen zu arbeiten, und man musste zusätzlich noch eine mindestens dreijährige Psychotherapie-Ausbildung in Höhe von rund 20.000 Euro bezahlen. Jetzt studiert man fünf Jahre Psychotherapie, lernt dort am Patienten in einer sehr praxisorientierten Ausbildung die für den Beruf als Psychotherapeut*in grundlegenden Kompetenzen und beendet das Studium mit einer staatlichen Approbationsprüfung. Wie in der Medizin schließt sich daran eine nach jeweiligem Landesrecht organisierte mehrjährige Weiterbildung als Fachpsychotherapeut*in in stationären und ambulanten Einrichtungen an, innerhalb der man sich auf die Behandlung von Erwachsenen oder Kindern und Jugendlichen spezialisiert. In der Weiterbildungszeit ist man nunmehr fest angestellt und bezieht ein angemessenes Gehalt.

» Diese Gesetzesänderung bedeutet also eine enorme Anerkennung und Aufwertung des Berufs des Psychotherapeuten und der Psychotherapeutin.«

Da sprechen Sie mir aus der Seele! Gesundheit meint heute ja nicht mehr nur körperliche Gesundheit, sondern meint in einem zunehmenden Maße auch psychische Gesundheit. Und für die psychische Gesundheit braucht es in erster Linie Psychotherapeut*innen, und nur in zweiter Linie Psychopharmaka. Das hat der Staat erkannt und deshalb die dafür notwendigen Studienbedingungen geschaffen. Nunmehr sind die Studierenden der Medizin und der Psychotherapie endlich gleichgestellt, beide Berufe begegnen sich später im Behandlungsalltag auf Augenhöhe. Psychische Gesundheit und körperliche Gesundheit werden gleich bewertet und in der Ausbildung und von den Rahmenbedingungen gleichgestellt. Was wir an der MHB von Anfang an so konzipiert hatten, wird zukünftig dann auch an anderen Orten so praktiziert werden. Als MHB freut uns das natürlich sehr.

» Für wann ist denn der neue Studiengang geplant?«

Wir möchten als MHB diesen neuen Studiengang im Bachelor und Master ab dem Wintersemester 2020/21 anbieten und damit für eine moderne und attraktive Psychotherapeut*innenausbildung in Brandenburg sorgen. Die MHB würde damit erneut als Taktgeber, Vorreiter und Pionier vorangehen!

» An wen richtet sich denn das neue Studienangebot?«

Das Angebot richtet sich sowohl an Abiturient*innen als auch an Studierende, die sich insbesondere für den klinischen Teil der Psychologie interessieren oder eine spätere Tätigkeit als Psychotherapeut*in anstreben. Für den Bachelor wird es zu unserem bisherigen Auswahlverfahren keine Änderungen geben. Ein besonderer Qualitätsvorteil für die MHB wird weiterhin darin bestehen, dass wir dabei in erster Linie auf Motivation, Erfahrung und persönliche Eignung achten und weniger auf den Notendurchschnitt im Abitur. So können wir gezielt jene Studierenden aufnehmen, die tatsächlich die persönliche Eignung für die spätere Ausübung von Psychotherapie erkennen lassen. Ob es dagegen auch für Studierende, die den bisherigen Bachelorstudiengang in Psychologie durchlaufen haben, möglich sein wird, mit dem neuen Masterstudiengang Psychotherapie die Approbation zu erreichen, das kann bislang seriöser Weise noch niemand sagen. Hier warten wir alle darauf, ob und wenn ja welche Übergangsregelungen und -fristen durch den Gesetzgeber festgelegt werden. Die besten Chancen werden sicher unsere eigenen Studierenden haben, weil eben unser bisheriger Bachelorstudiengang weitestgehend den neuen Anforderungen entspricht. Wir können aber schon jetzt versprechen, dass die MHB jede Möglichkeit des Übergangs von bisherigen Bachelorstudierenden nutzen wird, die der Gesetzgeber bietet.

» Die MHB bietet mit dem Schwerpunkt klinische Psychologie ja auch jetzt schon ein sehr praxisorientiertes Studium mit frühzeitigem Patientenkontakt an. Welche Änderungen ergeben sich für die Studierenden der MHB?«

Tatsächlich werden sich für unsere Studierenden relativ wenige Änderungen ergeben. Für uns war es eine große Freude und auch Ehre zu sehen, dass einige Besonderheiten unseres Curriculums, die wir damals neu entwickelt hatten, nun auch Eingang in den Gesetzentwurf zum Direktstudium gefunden haben. Beispielsweise entsprechen die nunmehr anstelle der bisherigen Praktika geforderten sogenannten Berufspraktischen Einsätze unseren bisher bereits im Bachelor angebotenen Kliniktagen. Insofern verfügt die MHB bereits in allen von dem Psychotherapiegesetz und der Approbationsordnung geforderten Lehr- und Prüfungsformaten über eine mehrjährige Erfahrung und die dafür erforderliche Infrastruktur. Aber auch bei uns wird die Verzahnung von theoretischer Wissensvermittlung und dem Erwerb von praktischen psychotherapeutischen Kompetenzen am Patienten noch weiter ausgebaut werden.

» Wie ist das geplante Direktstudium aufgebaut?«

Der Studiengang gliedert sich mit einer Regelstudienzeit von fünf Jahren in ein polyvalentes dreijähriges Bachelor- und ein zweijähriges Masterstudium mit insgesamt 33 Modulen. Anders als bisher endet der neue Studiengang dann zukünftig mit einer bundeseinheitlichen staatlichen Approbations-Prüfung. In der vom Bundesrat noch zu verabschiedenden Approbationsordnung wird verbindlich geregelt sein, welche Aufgaben Studierende im Rahmen ihrer Berufspraktischen Einsätze übernehmen können und welche nicht. Es wird dort beispielsweise festgelegt sein, bei wie vielen Therapiesitzungen Studierende teilnehmen sollen, wie viele Patient*innen sie anamnestisch zu untersuchen und wie vielen Angehörigen sie die Therapie zu erklären haben. Es sind richtige Psychotherapieaufgaben, für die Studierende ausgebildet werden! Damit verbessert sich auch die Verbindlichkeit, sowohl für unsere Studierenden als auch für unsere Klinischen Partner.

» Welche Rolle spielen zukünftig unsere Klinken?«

Ohne qualifizierte klinische Partner wird die Einführung des Direktstudiums Psychotherapie nicht gelingen. Der Großteil der Psychologischen Fakultäten in Deutschland verfügt aktuell nicht über genügend klinische Plätze für ein Direktstudium. Studieninteressierte sollten sich deshalb im Vorfeld sehr genau anschauen, mit welchen klinischen Einrichtungen die jeweilige Hochschule kooperiert. Das Schöne an der MHB ist ja, dass wir schon jetzt über drei Kooperationskliniken mit ausreichend Kapazität für praktische Anteile des Psychotherapiestudiums verfügen, die wir wirklich als inhaltliche Partner haben. Das heißt, dass das, was die Studierenden dort in den Kliniken machen, auch inhaltlich zu unserem Lehrstoff passt. Um diese Verzahnung zwischen Universität und Kliniken in der Zukunft noch enger zu gestalten, werden wir spezielle Stellen in den Kliniken schaffen, die dann die Studierenden dort anleiten. Und diese Scharnierstellen sind ungewöhnlich. In unseren drei Hauptkliniken in Neuruppin, Lindow und Rüdersdorf erproben wir das bereits. Darüber hinaus wird es etwa zehn bis 15 weitere klinische Partner geben, bei denen unsere Studierenden zukünftig innerhalb der ersten beiden Semestern das vom Gesetzgeber geforderte sogenannte Orientierungspraktikum absolvieren. Unser Konzept sieht vor, dass die Bachelorstudierenden so wie bisher auch schon während des Semesters jeweils einen Tag pro Woche in der Klinik verbringen, die Masterstudierenden werden sogar bis zu drei Tage pro Woche in den Kliniken verbringen.

» Wie realisieren das denn andere Psychologischen Fakultäten, die nicht über dieses klinische Partnernetzwerk verfügen und dennoch vorhaben, das Direktstudium Psychotherapie einzuführen?«

Das weiß der liebe Gott.

Die Fragen stellte Eric Hoffmann, Leiter Kommunikation MHB

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