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„Da, wo du hinfährst, ist Krieg!“

Neuruppin, 03.06.2022

Eine Reportage über einen Hilfskonvoi nach Odessa von Markus Deckert.

Hit and run könnte man das Konzept nennen, wenn hit nicht missverständlich wäre: Mit zwei Sattelschleppern und Begleitfahrzeug möchte man sich nirgends in der Ukraine lange aufhalten. Über die Grenze schnell ans Ziel, schnell Abladen, und genauso schnell wieder zurück!

Als sich vor Ostern die russischen Truppen zurückzogen, war anvisiert, nach Kyjiw zu fahren. Doch ein Prinzip der Aktion „Schnelle medizinische Hilfe für die Ukraine“ ist, gezielt zu liefern, was benötigt und angefordert wird. Woche um Woche ließ diese Information aus Kyjiw auf sich warten, so dass schließlich für den dritten Transport wieder Odessa als Ziel festgelegt wurde, um von dort Hilfsgüter auch nach Charkiw, Mykolajiw und Zhytomyr zu verteilen. Aus diesen Städten waren Fahrzeuge für die Abholung zu organisieren, die rechtzeitig in Odessa bereitstehen mussten. Am Donnerstag, dem 5. Mai, sollte endlich alles passen – hoffentlich.

Montagabend machten sich die Fahrer Andreas, Jesse, Marcel und Nick mit zwei voll beladenen Sattelschleppern auf den Weg, an Bord Medikamente, Verbandmaterial, Säuglingsnahrung und haltbare Grundnahrungsmittel. Mittwochmorgen kamen sie in Bukarest an, um den Tag über noch einmal Schlaf zu tanken. Nachmittags stießen Christoph, Spediteur und Eigner der Lastzüge, und ich als Vertreter des Klinikums zu der Gruppe. Große Begrüßung für ihren Chef, skeptische Nachfrage, was für ein Arzt ich denn sei: Aha, Innere, Aufhänger für den running gag der Tour, und eine Runde Drinks für alle – alkoholfrei, versteht sich. Mitten hinein ein Anruf: Der LKW aus Charkiw sei von einer Mine zerstört worden, die Fahrer immerhin unverletzt. Gegen 19:00 Uhr ziehen wir uns auf die Zimmer zurück, die Christoph und ich erst im Nachbarhotel finden. Um 23:00 Uhr werden die Trucks aufbrechen, wir beide haben eine Stunde länger Zeit. Ich denke an meine Familie, die recht hat mit ihrer Sorge: Da, wo du hinfährst, ist Krieg.

Um Mitternacht treffen wir uns in der Hotellobby: Marcus, Rechtsanwalt mit Kontakten zu ukrainischen Kollegen, hat die ganze Aktion initiiert, Sergej, Mitglied des Stadtrats von Odessa, ist unser unverzichtbarer Kontaktmann für alles. Nach einer Weile kommt Christoph dazu, er scheint wenigstens ein bisschen geschlafen zu haben.

Kurze Abstimmung, dann steigen wir in den Geländewagen, dessen Mietvertrag Grenzüberquerungen nicht vorsieht. Nachdem wir Bukarest hinter uns gelassen haben, geht es durch die nächtliche rumänische Landschaft zügig nach Nordosten. Als Spediteur muss Christoph eine gleichermaßen beiläufige wie innige Beziehung zum Autofahren haben, jedenfalls weist er jedes Angebot der Ablösung zurück. Im Backseat-Office sortiert Marcus derweil, unterstützt von Sergej, die Fracht- und Zollpapiere und bereitet die Logistik für die Verteilung vor.

Wir haben die Vorausfahrenden bald eingeholt, als Marcel von einer 500 Meter langen Fahrzeugschlange vor der Abfertigung berichtet. Das wären mindestens 25 Lastzüge und eine nicht absehbare Verzögerung. Gegen halb fünf erreichen wir sie und fahren erst einmal an ihnen vorbei, um die Lage zu sondieren. Die anderen LKWs stehen ohne Licht, an vielen Fahrerhäusern sind die Vorhänge zugezogen. Am Grenzkontrollpunkt selbst: alles leer, freie Fahrt. Die Fahrzeugschlange erweist sich als nächtlicher Rastplatz. Kurz nach unserem Anruf biegen die Sattelschlepper auf den Platz vor dem Schlagbaum ein.

Das offene Dach auf Stahlstelzen, die provisorisch wirkenden Abfertigungsgebäude daneben: Das Bild erinnert an frühere DDR-Kontrollpunkte, nur neuer und gepflegter. Vor allem sind die Beamten deutlich freundlicher. Das zeigt sich, als nach einstündigem Hin und Her alle Frachtpapiere gezeigt und gestempelt sind und wir mit unserem Mietwagen an die Reihe kommen. Den elektronisch abgeschlossenen Vertrag können wir nicht auf Papier vorweisen. Die Beamtin geht ins Haus, kommt zurück, fragt ihren Vorgesetzten. Der Vorgang wiederholt sich. Wir haben ein Problem. Schließlich lässt sich der Vorgesetzte die elektronische Buchung auf sein Smartphone schicken. Nächstes Mal bitte schriftlich, und das ist ein verrückter Krieg da drüben. Gute Sache, eure Hilfsgüter, viel Glück, verabschiedet er uns auf Englisch mit dem Anflug eines Lächelns, gleich ist Ablösung. Wir sind erleichtert, niemand hat gefragt, ob das Auto in der Ukraine versichert ist. Ist es nicht, genauso wenig wie Christophs LKWs. Doch das ist kein rumänisches Problem.

Die Morgendämmerung ist dem Sonnenaufgang gewichen. Es ist empfindlich kühl, und es duftet nach frisch gemähter Wiese und Waldmeister. Zu sehen sind im Scheinwerferlicht nur Beton und Autos, die eigentümliche Stimmung einer Grenzstation bei Nacht. Und dann dieser versöhnliche Duft. Wenige Meter vor uns liegt die Donau.

In die ungeordnete Masse von Fahrzeugen kommt Bewegung. Alles rollt auf eine Betonrampe zu, zwei Zollbeamte versuchen das Gedränge zu bändigen. Dabei gelingt es ihnen, Absicht oder nicht, unseren beiden Lastwagen die pole position für die ukrainische Seite zu verschaffen. Es bleibt kalt. Wir versammeln uns bei den Fahrerkabinen mit Blick auf das gegenüberliegende Ufer und einen Sonnenaufgang, der einen glasklaren Sommertag versprechen will.

Vielleicht zwanzig Minuten später stehen wir auf der ukrainischen Seite an der Grenzstation. Der Unterschied ist nicht groß, sieht man davon ab, dass die Beamten hier, Männer wie Frauen, Flecktarn und Schnellfeuergewehre tragen. Wieder ist der eigentliche Grenzübertritt keine große Nummer, aber die Zollabfertigung zieht sich hin. Inspektion der Fahrzeuge, Abgleich der Papiere, dann verschwindet Marcus in einem winzigen Büro, aus dem er gegen 7:15 Uhr freudig vermeldet: Der erste von vier Stempeln!

Eine weitere Stunde später sind wir durch. Unser Konvoi formiert sich lose und rollt zum Ende der Zollanlage, wo ein in die Jahre gekommener japanischer Pickup mit Leuchtbalken auf dem Dach und Dienstwappen an der Seite auf uns wartet. Zwei Soldaten nehmen uns in Empfang und wirken ausgesprochen gutmütig, während sie uns Splitterschutzwesten austeilen und geduldig beim Anlegen der reiserucksackschweren Kleidungsstücke helfen.

Um dem Konvoi, durch rote Kreuze und ein großes Schild „Humanitarian Transport“ hinreichend kenntlich gemacht, mehr Dringlichkeit zu verschaffen, schalten die Fahrzeuge ihre Rundumlichter ein, der Pickup fährt uns voraus. Nicht zuletzt an den zahlreichen Kontrollpunkten mit Panzersperren und Betonbunkern ist sein Geleit von unschätzbarem Vorteil.

Der Anblick der frühlingshaften, sonnenbeschienenen Felder und der Menschen, die augenscheinlich unbeeindruckt ihrem Alltag nachgehen, steht in eigentümlichem Kontrast zu den Raketenangriffen vor wenigen Tagen und den unübersehbaren Vorbereitungen der Armee auf eine Invasion aus Transnistrien: Bunker, Schützengräben, Minenfelder. Schutzwälle, hinter denen die Türme von Panzern aufragen. Wo immer Buschwerk oder ein Wäldchen die Straße begleiten, dürfen wir sicher sein, dass sich dort mehr verbirgt als wir sehen können.

Das Nebeneinander von Krieg und Normalität, nachdem das Unvorstellbare Alltag geworden ist, begleitete auch unseren Weg durch Odessa. Im Vergleich zur ersten Tour vor zwei Monaten herrscht geradezu buntes Treiben auf den Straßen, Autos im Berufsverkehr samt Stau, voll besetzte Straßenbahnen neben Hauseingängen und Denkmälern mit Sandsäcken davor.

In einer unscheinbaren Straße am Ziel angekommen, werden wir von Bürgermeister Hennadij Truchanow persönlich begrüßt. Wegen seiner früheren Nähe zu Russland wie zum organisierten Verbrechen stand er in der Kritik – seit Kriegsbeginn ist er unumstritten oberster Verteidiger seiner Heimatstadt. Begleitet wird er vom Vizebürgermeister und mehreren Stadtverordneten, und wir werden mit Urkunden und Andenken so herzlich wie feierlich empfangen. Im Gegenzug überreicht Marcus ihm ein persönliches Gastgeschenk, dann großes Gruppenfoto mit deutscher und ukrainischer Flagge. Später wird mit ausnehmend gutem Essen aus einem Restaurant in der Nähe auch für unser leibliches Wohl gesorgt. Leider hilft es nicht gegen Müdigkeit.

Das gut getarnte Depot, das als Drehscheibe für unsere Lieferung dient, bietet nur begrenzte Entlademöglichkeiten. Unsere Fracht stammt von mehreren Kliniken und musste in der Reihenfolge der Abholung verladen werden. Jetzt wird alles per Gabelstapler und Hubwagen palettenweise nach Bestimmungsorten auf dem Hof geordnet. Der für Odessa bestimmte Teil kommt ins Depot, während nacheinander die Fahrzeuge zu den Zielorten beladen werden.

Auch aus Charkiw trifft am Nachmittag doch ein Lastwagen ein. Nachdem Ersatz für das zerstörte Fahrzeug gefunden war, wurde ein Familienmitglied des Fahrers getötet. Marcus und Sergej organisierten schließlich einen dritten LKW aus Charkiw, der mit zwei übermüdeten Fahrern angekommen ist und auf dessen Kippmulde noch getrocknete Erde klebt. Es knirscht und staubt beim Beladen, aber ohnehin in Folie eingewickelt, werden Medikamente und Lebensmittel von einer Abdeckplane vor Regen geschützt.

Sechseinhalb Stunden nach unserer Ankunft wird die letzte Palette mit Infusionslösungen auf den LKW nach Mykolajiw verladen.

Für uns ging es problemlos aus der Stadt heraus in die untergehende Sonne. Zwölf Stunden nach unserer Ankunft in Odessa standen wir um Mitternacht wieder an der Donau und konnten unsere Splitterschutzwesten zurückgeben – Reiseaccessoires, die niemand vermisste.

Die LKWs nach Charkiw, Mykolajiw und Zhytomyr erreichten alle ihr Ziel. In Fotos und Videos wurde die große Dankbarkeit deutlich, endlich wieder mit Infusionen oder Insulin behandeln zu können. Unsere vier LKW-Fahrer kamen unversehrt zuhause in Brandenburg an. Am Tag darauf schlugen in Odessa erneut Raketen ein.


Zur Person:

Markus Deckert ist an der MHB Dekan der Fakultät für Medizin und Psychologie und Professor für Innere Medizin, Hämatologie und Onkologie. Am Universitätsklinikum Brandenburg an der Havel, dass diese Hilfs- und Spendenaktion maßgeblich mit ins Leben gerufen hat, ist er Chefarzt und Klinikdirektor der Klinik für Hämatologie, Onkologie und Palliativmedizin. Es war seine erste Reise in die Ukraine. Markus Deckert ist verheiratet und Vater zweier Kinder.

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